Die Kunst, Geschenke anzunehmen

In der Nacht hatte es ein kurzes Gewitter gegeben, doch die ersehnte Abkühlung hatte es nicht gebracht. Noch glitzerte der Rasen feucht und es roch nach nassem Teer, aber die Sonne brannte bereits wieder so heiß, dass die Erde zu verdampfen schien. Ich war auf unserm Balkon, hängte Wäsche auf und wischte mir die ersten Schweißperlen des Tages von der Stirn, als ich unser benachbartes Ehepaar vor ihrem Haus entdeckte. Die Frau saß auf einer Bank vor ihrer Haustür, während ihr Mann einen Abfallbeutel in die Mülltonne warf. Die beiden sind nicht mehr die jüngsten und besonders dem Mann fiel das Laufen immer schwerer, trotzdem war er gerade im Begriff, die Mülltonne an die Straße zu rollen. Deren Einfahrt ist bestimmt 50 Meter lang und gleicht mehr einem Feldweg, auf dem sich nun eine Pfütze an die nächste reihte. Er hatte schon die Hände am Griff, da kam in diesem Moment ein anderer Nachbar vorbei. Er nahm die Mülltonne und im Weggehen sagt er: „Lassen Sie mal. Ich fahre Ihre Tonnen an die Straße und bringe sie morgen auch wieder zurück.“ Mein Nachbar sagte verdutzt „Danke“ und war sichtlich erleichtert. Ich freute mich über diese Szene und jubelte innerlich über die Hilfsbereitschaft, während sich der Mann zu seiner Frau auf die Bank setzte. „Weißt du was?“, sagte er dann zu ihr. „Der bringt uns die Tonnen an die Straße.“ „Das ist aber nett von ihm!“ Darauf erwidert er: „Ach was, das ist doch nur Getue! Wer weiß, was der von uns will!“

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Die Worte klangen bleiern in mir nach. War mein Nachbar undankbar? Nein, das denke ich nicht. Ich hatte gerade in ein Spiegelbild unserer Zeit geblickt. Mein Nachbar schien davon überzeugt zu sein, dass diese Nettigkeit, dieses Geschenk, eine Gegengefälligkeit nach sich ziehen muss. Diese Annahme war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er das Gute, was ihm gerade widerfahren war, entweder nicht wahrgenommen hatte oder nicht annehmen wollte.

Doch ich hatte noch etwas in diesem Spiegelbild entdeckt: mich selbst. Wie oft habe ich schon, nach einem unerwarteten Geschenk, die Frage „Wofür ist das denn?“ gestellt und fast immer bin ich skeptisch gegenüber dem „Nur so!“. Nur zu gut kenne ich diese Gedankenintrigen: Da wird Misstrauen in mein Herz gesät und Zweifel werden mir eingeflüstert. Es könnte eine Falle sein. Oder einen Haken haben. Damit verbunden ist ein „DU hast das nicht verdient!“.

Ich muss daran denken, wie fatal es eigentlich ist, dass es mir so schwer fällt, Geschenke anzunehmen und einfach dankbar zu sein. Denn wenn ich es nicht einmal schaffe, Gaben, die greifbar sind, anzunehmen, wie ist es dann erst mit Gottes Gnade? Denn nichts anderes ist sie doch: ein Geschenk, das keine Gegenleistung erwartet.

 „Weil Gott so gnädig ist, hat er euch durch den Glauben gerettet. Und das ist nicht euer eigenes Verdienst; es ist ein Geschenk Gottes. Ihr werdet also nicht aufgrund eurer guten Taten gerettet, damit sich niemand etwas darauf einbilden kann.“

Epheser 2, 8 und 9

Ich befinde mich jedoch in guter Gesellschafft. Wie war es gleich an dem Abend des Passahmahls, als Jesus  seinen Jüngern die Füße waschen wollte? Streckte Petrus voller Freude Jesus seine staubigen Füße entgegen? Im Gegenteil:

„Nein!“, protestierte Petrus. „Du sollst mir niemals die Füße waschen!“

Es brauchte erst die Zurechtweisung von Jesus, damit er dieses Geschenk und auch dessen unglaubliche Bedeutung annehmen konnte:

„Wenn ich dich nicht wasche, gehörst du nicht zu mir.“  (Johannes 13, 8)

Wie gut kann ich Petrus Reaktion verstehen. Denke ich nicht oft daran, dass ich Gottes Vergebung, Gottes Gnade, nicht verdient habe? Und wundere ich mich nicht immer wieder über die Barmherzigkeit Gottes? Und deshalb brauche auch ich diese Ermahnung von Jesus. Ja, es stimmt. Ich habe es nicht verdient. Und trotzdem schenkt er sie mir. Aus Liebe. Dieses Geschenk ist der Dreh- und Angelpunkt meines Daseins, der archimedische Punkt, auf dem ich mein Leben baue und nicht ins Wanken komme. Und dafür bin ich zutiefst dankbar. Dem intriganten Flüstern möchte ich deshalb entgegenhalten: Ich bin gewollt beschenkt!

„Ach, ich sehe gerade, dass Sie ein Upgrade für ihr Zimmer erhalten. Selbstverständlich ohne Aufpreis. Ich wünsche Ihnen eine schönen Aufenthalt!“

Holger und ich waren erstaunt. Wir standen an der Rezeption des Hotels an unserem lang ersehnten kinderfreien Abend und konnten es nicht fassen. Das war uns noch nie passiert. Noch bevor irgendwelche Zweifel und Warum-Fragen sich wie Nebel in mir ausbreiten konnten, nahm ich den Schlüssel vom Tresen, bedankte mich und ging Richtung Fahrstuhl. Wir genossen die Suite mit ihren Annehmlichkeiten und nahmen sie dankbar als das an, was sie war: ein unverdientes Geschenk.

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