Wellnesstag mit Gott

„Lassen Sie den Alltag einfach hinter sich und gönnen Sie sich Wellness
für Körper und Seele.“

Wellness liegt seit Jahren im Trend und ist aus der Kurzurlaubszene nicht mehr wegzudenken. Zunehmender Stress im Alltag brauche kleine Auszeiten, rufen die vielfältigen Angebote einem zu. Und wer sich das kostenintensive Wellness-Hotel oder den Spa-Aufenthalt  nicht leisten kann, findet Unmengen an DIY-Wellness-Tipps für Zuhause im Web. Auch ich kann ein paar nette Stunden in der Sauna sehr genießen.

Neulich kam mir dann der Gedanke: Warum nicht mal einen Wellnesstag mit Gott? Sich Zeit nehmen, zuhören und sich ganz bewusst mit Gott treffen? Im Alltag habe ich jeden Tag meine Zeit, um in der Bibel zu lesen und zu beten, aber es kann auch passieren, dass es, je nach Hektik, untergeht oder ich es nur als gewohnte Übungspflicht absolviere. Ein Wellnesstag mit Gott. Das wollte ich einmal ausprobieren. Mir einen ganzen Wellnesstag zu gönnen, würde ich wohl zeitlich nicht einrichten können, da die Kinder mittags von der Schule wieder zu Hause sind. Aber einen Vormittag würde ich mir freinehmen. Ich erwartete nicht, dass etwas Spektakuläres passieren würde, dass sich der Himmel auftun oder sich plötzlich mein ganzes Leben verändern könnte. Nein, ich freute mich einfach auf die Zeit, die ich mit meinem himmlischen Vater verbringen wollte, und zwar als Mittelpunkt und nicht nur als ein Teil des Tages.

Dann war es soweit. Ich drückte den Kindern einen Kuss auf die Stirn und winkte ihnen zum Abschied. Dann schloss ich die Tür hinter ihnen. Ich spürte den Morgenhektikgeräuschen noch ein wenig nach, dann: Stille. Nur das brennende Holz im Ofen knackte und knarzte im gemächlichen Dreivierteltakt. Nun überlegte ich, wie ich beginnen sollte. Und weil ich die Stille gerade als sehr angenehm empfand, wollte ich auch damit beginnen: still zu werden vor Gott. Ich zündete eine Kerze an (ja, ich gebe zu, es war eine mit Vanilleduft) und machte es mir auf der Couch gemütlich. Doch bereits nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass es gar nicht so einfach war, still zu werden. Meine Gedanken wirbelten in meinem Kopf umher und stießen wie bei einer Kettenreaktion immer neue Grübeleien an. Deshalb benutzte ich meine Bibel-App und ließ mir aus dem Alten Testament vorlesen. Nach und nach fokussierte ich mich und ließ mich auf das Gehörte ein. Ich hörte die Geschichte Elias in 1. Könige, als er nach seiner Flucht vor König Ahab und dessen Frau Isebel von Gott ermutigt und bestärkt wurde.

„Danach hörte Elia ein leises Säuseln. Er verhüllte sein Gesicht mit dem Mantel, ging zum Eingang der Höhle zurück und blieb dort stehen.“
(1. Könige 19, 12-13)

Ja, dachte ich. Gott ist über allem so erhaben, dass es keines aufsehenerregenden Beweises seiner Anwesenheit bedarf. Seine Stärke besteht darin, dass er sie gegenüber uns Menschen nicht auszunutzen braucht.

Nach einer Stunde zog ich mich warm an und ging vor die Tür. Der Himmel war wie aus geschmolzenem Blei und der Wind schnitt mir scharf ins Gesicht. Für einen Spaziergang mit Gott hätte ich lieber funkelblauen Himmel und Wonnesonneschein gehabt, aber das war heute nicht gegeben. Ich ging in den Wald, wo der Wind nicht ganz so stark an meiner Kleidung zerrte. Der Boden war mit einem dicken Teppich von gelbbraunen, ledrigen Blättern bedeckt. Ein Geruch von Erde und warmen Gewürzen lag in der Luft. Jeder Schritt raschelte und knisterte, die Erde gab gummiartig unter meinen Füßen nach. Der Wind schüttelte die Äste der zum Winterschlaf bereiten Bäume und ließ Blätter auf mich herabregnen. Ich zog mir meinen Schal höher ins Gesicht und ließ mich zeitvergessen treiben und Gedankenfetzen in meinem Kopf umhertollen. Manchmal blieb ich stehen und betrachtete einfach die Umgebung. „Das alles hast du geschaffen Gott? Alles liebevoll durchdacht und seelenschmeichelnd gestaltet?“ Ich blicke auf die abertausend Blätter auf dem Boden um mich herum. „Und in aller Vielfalt und Fülle und Unendlichkeit, hast du sogar jedes Haar auf meinem Kopf gezählt. Ich kann nur staunen.“

Das schönste daran, bei so einem Wetter draußen zu sein, ist das Heimkommen. Es war eine wahre Wohltat. Die Wärme schloss mich sofort in ihre Arme, meine Wangen glühten und ich fühlte mich gebauchpinselt und geborgen. Heimkommen. Wie das wohl einmal sein wird, wenn wir zu Gott heimkehren? Heraus aus einer kalten, ungemütlichen Welt hinein in die Geborgenheit und Vergebung des liebenden Vaters?

Ich machte an diesem Vormittag noch ein paar andere Dinge. Ich las in der Bibel, betete, hörte mir eine Predigt an und sang lauthals Lobpreislieder. Alles in allem genoss ich diese herzerwärmende und inspirierende Zeit, bis das erste Kind an der Haustür klingelte. Ich würde jetzt gerne erzählen, dass ich den restlichen Tag auf einer Wolke der Seligkeit geschwebt bin und ein Schein von Heiligkeit und Sanftmut mich umgeben hat. Das war aber nicht der Fall. Der Alltag stürmte mit dem ersten Kind hinein und überrannte mich. War ich deshalb traurig oder enttäuscht? Nein! Denn das ist unser Glaubensleben hier auf der Erde: Nicht isoliert von der Welt, sondern mitten in der Welt. Und Gott ist mittendrin. In der Ruhe und im Trubel. Die Gewissheit bleibt, dass Gott am Ende meines Wellnesstages noch da ist und mich nicht nur mit netten Ratschlägen und einer hohen Rechnung allein zurücklässt. Er bleibt an meiner Seite. Immer. Unabhängig davon, ob ich mir Zeit nehme oder nicht.

Wiederholenswert erscheint mir das Ganze trotzdem…

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