Leselust statt Leselast

„Zieh dir bitte eine Jacke an!“

„Ich will aber nicht!“

„Zieh sie bitte an!“

„Warum denn?“

„Weil es draußen sehr kalt ist.“

„Mir ist aber nicht kalt.“

„Bitte zieh sie dir an, ich möchte nicht, dass du frierst und dich erkältest.“

„Aber die Lea hat auch keine Jacke an.“

„Das ist mir egal, wir haben Temperaturen um den Gefrierpunkt und ich möchte, dass du jetzt eine Jacke anziehst. Sonst bleibst du hier drin!“

Das ist eine typische Diskussion, wie ich sie täglich mit einer oder beiden Töchtern gleichzeitig führe, wobei es neben der Kleiderfrage ebenfalls um Hausaufgaben, Süßigkeiten, Fernsehen oder darum geht, dass nicht nur mit einem Seil um den Bauch gebunden vom Spielturm runtergesprungen wird oder man nicht mit Inlineskates Fahrrad fährt. Meist folgt ein Einlenken des Kindes, manchmal mit Einsicht, oft aber mit viel Trotz und Unverständnis. Eigentlich finde ich es gut, dass meine Mädels Anweisungen hinterfragen und nicht nur blind ausführen. Aber manchmal fände ich es schön, nicht immer alle meine Anweisungen erklären zu müssen, sondern, dass sie mir einfach vertrauen.

Letzte Woche hatte ich eine interessante Unterhaltung mit einer Freundin. Sie erzählte mir, dass sie lernen möchte, mehr Fragen an einen Bibeltext, den sie liest, zu haben. Sie meinte, dass sie die Texte meist lese und zufrieden mit dem sei, was sie da gerade gelesen habe. Sie nähme einfach an, was das steht. Das möchte sie ändern. Sie möchte nun kritischer sein und nicht nur die Oberfläche betrachten.

Darüber musste ich nachdenken. Ich finde es total spannend, mehr über einen Text zu erfahren, mit ihm zu ringen, Verständnis und Wissen zu entwickeln und dadurch Gott wieder ein winziges Stückchen, ein My, besser kennenzulernen. Dennoch, dachte ich, ist das irgendwie schön: Lesen und einfach annehmen. Annehmen können, weil ich Gott und seinen Worten vertraue. Vertrauen, dass er es gut mit mir meint. Und nicht argwöhnisch denke, dass ich etwas im Kleingedruckten übersehen könnte oder dass er mir das Leben schwer machen möchte. Ich denke, das Gegenteil ist nämlich der Fall. Es wird erst dadurch, dass wir seinen Worten nicht vertrauen, schwer. Möglicherweise, nein, bestimmt ginge ich viel leichter und mit weniger Sorgen beladen durchs Leben, würde ich mehr vertrauen, mehr mit Gott rechnen, mehr erwarten, mehr glauben. Nicht immer nur diskutieren und alles skeptisch kaputtinterpretieren. So wie bei meinem Kindern. In ihrem Trotz, ihrer Dickköpfigkeit und ihrer Eigenwilligkeit sind sie blind dafür, dass ich es gut mit ihnen meine. Dass ich mir Sorgen mache. Dass sie mir nicht gleichgültig sind. Auf der anderen Seite gefällt es mir, wenn sie mich hinterfragen. Weil ich ihnen dann sagen kann, warum ich so handle und ihnen so die Möglichkeit geben kann, mich zu verstehen. Deshalb grabe ich auch gerne mal in einem Bibeltext, um den Schatz in ihm zu entdecken, mir eine neue Perspektive, ein erweitertes Verständnis zu erarbeiten. Deshalb werde ich  die Bibel niemals zu Ende lesen können. Die Texte halten so unglaublich viel bereit und je nach Situation lese und verstehe ich einen Vers plötzlich ganz anders, als ich ihn vielleicht vor ein paar Jahren gesehen habe.

IMG_20181203_110056410

Letztendlich ist es wohl wie mit vielen Dingen im Leben: eine gute Mischung ist wichtig. Aristoteles nannte es in der Nikomachischen Ethik den goldenen Mittelweg. Er war der Ansicht, dass es gelte, Extreme zu vermeiden. Doch, auch das war seine Überzeugung, liege die Mitte bei jedem woanders. Sie hänge von der jeweiligen individuellen Persönlichkeit ab. Der eine mag halt gerne mehrere Kapitel der Bibel am Stück lesen, ein anderer befasst sich schon mal mit einem einzigen Vers wochenlang. Den richtigen Weg muss jeder für sich selbst heraustüffteln.

Mir gefällt der Gedanke trotzdem. Lesen und vertrauen. Ich hoffe, dass es mir in Zukunft leichter fällt, die Jacke einfach mal anzuziehen.

Und Jesus fügte hinzu:
„Wer Ohren hat, der soll auf meine Worte hören!“
Markus 4, 9

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s