Vergoldete Narben

„Mama, wovon ist das?“

Meine Tochter hat mein Shirt ein wenig hochgeschoben und fährt mit ihrem Finger ganz vorsichtig die silbrigen Streifen entlang, die sich um meinen Bauchnabel herum schlängeln.

„Das habt ihr beide mir gemalt, als ihr in meinem Bauch gewesen seid.“

„Und, Mama, gefallen sie dir?“

„Oh ja!“, antworte ich und streiche ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sie erinnern mich daran, dass ich mit zwei wundervollen Töchtern beschenkt wurde.“

Heute kann ich das so sagen. Doch kurz nach den Schwangerschaften war ich nicht besonders begeistert von meinen Dehnungsstreifen. Sie erinnerten mich an Holz, dessen Oberfläche von einem Holzwurm zerfressen wurde. Ich schämte mich dafür. Doch mit der Zeit akzeptierte ich sie als einen neuen Teil von mir und machte mir bewusst, dass sie nicht Scham erzeugen sollten, sondern Dankbarkeit.

Die Narben am Bauch sind nicht die einzigen, die ich am Körper trage. Und dann sind da noch die Narben, die niemand sieht, die nur ich in mir spüre, von Verletzungen, die mir zugefügt wurden oder die ich mir selbst zugefügt habe. Nicht alle sind gut verheilt. An manchen Verletzungen kratze ich auch gerne herum und lass sie gar nicht erst richtig abheilen. Diese schlecht zusammengefügten Scherben sind brüchig und bei der nächsten Belastung, zerbrechen sie wieder. In Japan gibt es eine traditionelle Methode zerbrochene oder gesprungene Keramik zu reparieren. Kintsugi bedeutet wörtlich übersetzt „Gold-Flicken“. Dabei werden die Reparaturen nicht verborgen, sondern durch die Verwendung von Goldfarben zum Blickpunkt. Dabei ist viel Kunstgeschick gefragt. Die gebrochenen Stücke werden wieder zusammengefügt und werden zu einem neuen Ganzen. Das bedeutet, dass ein einst zerbrochener Teller nun nicht minder im Wert ist. Ganz im Gegenteil: Die aufwendige Restauration lässt die Wertschätzung und den einmaligen Status erkennen. Bruchstellen werden zu etwas Positivem und das Objekt entfaltet nun eine ganz neue Schönheit.

img_20181204_174250005.jpgZeit heilt keine Wunden, sondern vernarbt sie. Das habe erst einmal verstehen müssen. Nach und nach zeige ich Gott meine schlecht verheilten Wunden, meine dilettantischen Versuche, die Scherben selbst zu kleben. Und Gott sagt nicht: Kaputt? Dann bist du unbrauchbar. Nein, er nimmt meine zerbrochenen Stücke und fügt sie zusammen. Den Riss malt er golden. So sehe ich die neue Schönheit und ich vergesse nicht, dass ich verändert und erneuert wurde. Gott zeigt mir Jesu Narben. Und ich verstehe, dass es erst diese verheilten Wunden sind, die ihn zu meinem Erlöser machen.

Dann wandte er sich an Thomas:
„Leg deine Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“
Johannes 20, 27

Und auch meine verheilten Wunden werden mich immer mehr zu dem Menschen machen, den Gott in mir sieht. Weil er mir Wert gibt und mir zeigt, was ich ihm bedeutet, weil ich ihm nicht egal bin.

Lässt du deine Wunden heilen? Oder kratzt du immer wieder die Kruste ab? Traust du dich, dich deinen Wunden zu stellen, sie heilen und dann verschönern zu lassen? Dir bewusst zu machen, dass deine geheilte Wunde nun deine neue Stärke und Erhabenheit ist, dass du dadurch eine unglaubliche Wertschätzung von Gott erfahren hast?

Meine neu zusammengefügten Teile sind frei von Wut und Hass und Angst. Ich darf die Kunstfertigkeit in meinen Narben erkennen. Sie erzählen eine Geschichte über mich und machen mich zu der, die ich bin. Sie erinnern mich daran, dass ich zerbrechlich bin, aber auch daran, dass es jemanden gibt, der diesen Zerbruch heilt und etwas Wunderbares daraus machen kann.

 

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3 Gedanken zu “Vergoldete Narben

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