Das Weihnachtsgefühl

„Also ich bin ja noch überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung.“

Ich blickte kurz von meinem Buch auf und sah mich einem Mann und einer Frau im Zug gegenüber, die sich gerade zu mir ins Abteil gesetzt hatten. Ich wollte mich eigentlich wieder meinem Buch widmen, aber es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren und nicht das Gespräch der beiden mitanzuhören, das sich nun über Geschenkekäufe, Plätzchen backen, Lichterketten, Weihnachtsmenüs und Adventskalender entspann.

„Bei mir kommt das sowieso erst einen Tag vor Heiligabend“, war das Fazit der Dame, dem sich ihr Gesprächspartner resigniert-nickend anschloss.

IMG_20181129_083951614

Mich ließ der Gedanke nicht mehr los. Auch ich hatte diesen Satz schon oft gesagt. Nun hallte er in mir nach und ich kam nicht umhin mich zu fragen: „Was ist denn diese Weihnachtsstimmung überhaupt? Und ist dieses Gefühl überhaupt wichtig?“

Am Nachmittag zuvor war ich durch die hell erleuchtete Stadt geschlendert. „It’s Christmas Time“, verkündete mir das größte Kaufhaus am Platz auf einem einfamilienhausgroßen Banner, gehalten in den Farben weihnachtssternrot und tannengrün. „Hier kaufen Weihnachtsmänner ein“, konterte die Konkurrenz auf der anderen Seite und unterstrich die Aussage mit Lichterketten, welche die komplette Fassade einhüllten, im Wind hin- und herschwankten und die Kundschaft ins Geschäft hinein winkten. Innen erwartete mich eine bunte Funkelwelt aus Lametta, Kugeln, Lichtern in allen Farbvariationen, auf die selbst ein Regenbogen neidisch werden müsste, Engelchen, Zuckerstangen, Weihnachts- und Schneemännern und alles Getier, dessen Haupt ein Geweih ziert. Dazwischen lag Jesus in der Krippe. In drei verschiedenen Farben und Größen. Gefühlt konnte man diese Artikel bereits im September kaufen. Die Kunden wollen es so, sagen die Händler. Weil wir die Kuh solange melken, bis sie ausgemergelt ist. Das sagen sie jedoch nicht, diesen Teil denken sie sich nur. Rastlose Menschenmengen, beladen mit Einkaufstüten, schoben sich durch die Innenstadt. Ständig wurde ich angerempelt und alle paar Meter wurde mir eine Spendendose unter die Nase gehalten, die aber bereits vom Duft gebrannter Mandeln und Glühwein voll war. „Geben sie einem Kind die Möglichkeit auf eine sichere Zukunft“, „Helfen sie Kindern in der Not“, helfen Sie hier und helfen Sie dort. Ein Typ in schmutziger Kleidung bat mich um Kleingeld. Er sagte mir, ohne mich dabei anzusehen, er brauche das Geld, um nach Hause zu fahren. Ich ging vorbei. Ich wusste, dass er mich anlog, denn er fragt mich mindestens einmal in der Woche. Noch gestern sah ich ihn an der U-Bahnstation, in eine Nische an der Treppe gedrückt, als er den Löffel über der Flamme erhitzte. Dann in der Straßenbahn setzte sich ein Obdachloser neben einen Mann im graumelierten Anzug. Dieser drehte sich sichtlich angewidert weg und rutschte an die äußerste Kante des Sitzes. Auch mir lag der talgige Geruch unangenehm in der Nase. Der Obdachlose blickte einfach nur geradeaus, aber man konnte sehen, dass er ins Nichts starrte. Der Mann im Anzug schlug seine Zeitung auf. „Menschen beginnen wieder, über Ethik nachzudenken“, lautete eine kleine Glosse am Rand. Eine halbe Stunde später saß ich im Zug und plötzlich fiel dieser Satz: „Also ich bin ja noch gar nicht in Weihnachtsstimmung.“

DSC02286~2

 

Weihnachten. Nur so ein Gefühl? Je nachdem wie mir gerade ist, weihnachtet es sehr oder nicht? Was ist Weihnachten schon? Ein Kind, das geboren wurde. Nicht mehr, nicht weniger. Es war ein leises Ereignis und deshalb ist es leicht, die Hauptsache zu übersehen, wenn das, was wir daraus gemacht haben, so laut ist. Verdeckt von Geschenken, Weihnachtsessen und Feiern, von Kugeln, Lametta, Lichtern, Schmuck und Weihnachtsmännern. Nehme ich alles weg, was ich mit meiner Weihnachtsstimmung verbinde, bleibt nur das Kind. Als Hoffnung für die Welt, als Retter der Welt, als das unübertrefflichste Geschenk der Welt. Selbst, wenn wir nicht alles verstehen, egal ob Menschen an Gott glauben oder nicht, und vor allem ganz gleich, wie wir uns gerade fühlen: Jesu Geburt bleibt. Für mich, für Familien, für Freunde, für Männer im Anzug und für Obdachlose, ob dann mit oder ohne Lichterketten und Lametta. Das ist das wahre Weihnachtsgefühl: Geliebt von Gott zu sein!

Ein Gedanke zu “Das Weihnachtsgefühl

  1. Pingback: Das Kreuz von Ostern – Lichtspurensucher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s