Sehnsuchtsklänge

Besonders an diesen trüben Tagen, in denen das Fehlen der Sonne alle Farben verwelkt aussehen lässt und die kalte Feuchtigkeit sich in jeder noch so kleinen Ritze festklammert, sehne ich mich nach der warmen Jahreszeit zurück. Mir fällt es dann schwer, mich nicht von der Trübsal mitreißen zu lassen, und ich versuche mich darauf zu freuen, dass es irgendwann wieder anders wird. In solchen Sehnsuchtsmomenten muss ich auch immer wieder an unsere Wochen denken, die wir als Familie vor ein paar Jahren durch Portugal gereist sind, denn kalt und trüb war es da überhaupt nie gewesen.

 

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Eine meiner liebsten Erinnerungen habe ich von einem Morgen auf einer Farm in der Nähe der Stadt Evora. Ich war sehr früh wach geworden. Ich schälte mich aus dem Bett, wickelte mir eine dünne Decke um die Schultern und schlich in die Küche. Holger und die Kinder schliefen noch. Ich brühte mir eine Tasse Kaffee auf und ermahnte in Gedanken die Kaffeemaschine nicht so laut zu gurgeln. Dieser Moment am Morgen sollte mir alleine gehören. Dann schlurfte ich mit dem vollen Becher nach draußen. Die Kühle des Morgens überraschte mich, war es tagsüber hier doch brennend heiß. Aber die Sonne stand an diesem jungen Tag noch nicht sehr lange am Himmel. Noch räkelte sie sich genüsslich, jedoch schon bald würde sie ihre ganze Kraft entfaltet haben, so dass Luft und Boden den Eindruck machten zu brennen. Die kleinwagengroßen Findlinge vor unserm Haus waren in ein einladendes Orange getaucht. Ich setzte mich auf einen von ihnen, spürte die feuchte Kühle des Steins, ließ mir die angenehme Wärme des Morgens ins Gesicht scheinen und saugte den Duft der Röstaromen des tiefschwarzen Kaffees ein.

img_20150527_182215524Noch vor ein paar Tagen waren wir in den lauten Straßen Lissabons unterwegs gewesen. Am letzten Abend hatten wir auf einem Platz gesessen, der von blühenden Mandelbäumen umgeben war und durch deren Blüten das Licht der untergehenden Sonne in einem zartrosa erschien. Ein Fadosänger hatte süße, melancholische Melodien auf seiner Gitarre gezupft, deren Tonfolgen sich über das kunstvolle schwarz-weiß verschnörkelte Pflaster ergossen. Als das Lied zu Ende ging, klatschte nur ein Unwissender. Denn dem Fadista applaudiert man nicht. Man zollt ihm durch anerkennendes Schweigen Respekt. Ebenso sind  Gespräche während seines Spiels streng untersagt. Sie werden als Beleidigung des Fadista aufgefasst. Fado bedeutet wörtlich „Schicksal“. Dieser volkstümliche Musikstil der Lissabonner ist eine Ausdrucksform der portugiesischen Saudade. Das Wort Saudade ist kaum zu übersetzen und eine Erklärung schwer greifbar. Es ist eine Wehmütigkeit, eine freundliche Melancholie, eine Sehnsucht.

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Der Morgentau verdampfte allmählich, die Ameisen wanderten bereits auf ihrer Straße und die Glocken der Ziegen auf der Farm kamen aus einer anderen Richtung als am Abend davor. Sie wanderten mit der Sonne. Das weiß getünchte Ferienhaus mit seinen roten, knorrigen Ziegeln, die stille Korkeiche davor und die kargen, hügeligen Felder sahen aus, als wären sie mit Ahornsirup nappiert.

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Ich hätte gleichzeitig lachen und weinen können vor Glück, so unglaublich war diese Schönheit um mich herum, so überwältigend der Moment. Es war so ein dieser Momente, die Besonderes in mir auslösen. Aber es sind auch diese Momente im Leben, die mir klar machen, dass das hier auf der Erde noch nicht alles ist. Dass da mehr ist. Da ist eine so tiefe Sehnsucht, die sich mit nichts von dieser Welt füllen lässt. Der Schmerz in meinem Herzen erinnert mich daran, dass dies hier nicht mein Zuhause ist, dass da mehr ist, als ich sehe und begreife. Solche Momente sind für mich göttliche Momente.

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Am liebsten hätte ich Gott auf meinem kleinen Felsen nun einfach gedankt und ihn gelobt. Jedoch hatte ich das Gefühl, dass meine Worte vollkommen fehl am Platz waren, hölzern und dumpf. Mein Wortschatz reichte einfach nicht aus, um dieses Überschäumen in mir zu beschreiben. Deswegen schwieg ich an diesem Morgen. Auch meine Gedanken ließ ich verstummen. Ich applaudierte nicht, sondern erwies dem allmächtigen Fadista den Respekt, der ihm gebührt!

„Herr, du kennst meine Sehnsucht, du hörst mein Seufzen!“ Psalm 38, 10

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