Der Zuckerrand

Unser Heiligabend läuft fast immer gleich ab. Die Nuancen sind kaum erwähnenswert. Selbst das Menü ist immer das gleiche. Ich freue mich jedes Jahr darauf.  Wenn wir nach dem Gottesdienst zu Hause ankommen, gibt es erst einmal einen kleinen Aperitif, also Sekt für die Erwachsenen, Limonade für die Kinder.

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Die Gläser präpariere ich bereits nachmittags mit einem funkelnden Zuckerrand. Ist vielleicht etwas altbacken, aber ich finde trotzdem, dass es hübsch aussieht. Außerdem liebe ich es, wenn sich das herbe Prickeln mit ein wenig Süße vermischt. Allen anderen geht es übrigens ebenso. Die Kinder knabbern den Zuckerrand jedesmal vollständig ab. Vor zwei Jahren allerdings hatten wir einen ziemlich stressigen Tag an Heiligabend und so schaffte ich es nicht, den Zuckerrand an die Gläser zu machen, was ich mir selbst mit einem Achselzucken verzieh. Der restliche Ablauf und das leckere Menü blieben erhalten. Der Abend war wie immer chaotisch, lecker, herzlich, laut, fröhlich, übersättigend, aufgedreht – also richtig schön. Nachdem wir Großen dann auf der Couch saßen, uns die Bäuche hielten und ich überaus zufrieden die Kinder beobachtete, wie sie mit ihren Geschenken spielten, sagte mein Papa plötzlich: „Hattest du nicht sonst immer so einen Zuckerrand an den Sektgläsern?“ Kurz musste ich meine trägen Gedanken sortieren. Zuckerrand? Sektgläser? Der Aperitif war doch vor mehr als drei Stunden. Für mich war dieser Teil des Abends schon längst vergessen. Sichtlich verwirrt schaute ich meinen Vater an, der noch nicht fertig war mit seinem Einwand: „Wirklich schade, dass es den nicht gegeben hat.“ Und dann stimmte auch noch mein Onkel mit ein: „Ja, der hat mir auch gefehlt. Der schmeckt immer so gut.“

Ich war total perplex und wusste gar nicht, was ich daraufhin hätte sagen sollen. Wir hatten einen herrlichen Abend hinter uns mit einem wunderbaren Essen und viel Gemütlichkeit und das einzige, was meinem Vater und meinem Onkel auffiel, war diese eine winzige Kleinigkeit, dass der Zuckerrand gefehlt hatte. Ich selbst empfand diesen Zuckerrand nie als besonders wichtig, da er ja nicht der Hauptbestandteil des Abends war, sondern nur ein kleiner Bonus. Insgeheim ärgerte mich dieser Kommentar. Immerhin machte ich mir immer sehr viel Mühe mit diesem Abend. Auch wenn ich es wirklich gerne machte. Ein Dank wäre ebenfalls nett gewesen, dachte ich noch. So grummelte ich eine Weile beleidigt vor mich hin, bis mir ein Gedanke durch den Kopf schoss: „Was ist eigentlich, wenn bei dir im Leben mal der Zuckerrand fehlt?“

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Eigentlich kenne ich dieses Verhalten doch zu gut. Wie oft vergesse ich Gott zu danken, wenn alles gut oder einfach in rechten Bahnen läuft? Wenn jedoch irgendetwas passiert, was mir nicht in mein Leben passt, bin ich auch mal schnell dabei, das als ungerecht zu empfinden: „ Wieso lässt du das zu, wieso ausgerechnet ich?“ Und ich bin damit nicht alleine. Ich muss nur die Schlagzeilen der Zeitungen nach großen Katastrophen lesen. Irgendwo steht er immer, dieser plakative, anklagende Satz: „Warum Gott?“ Noch nie habe ich den Satz gelesen: „Danke Gott! Dir haben wir das zu verdanken, du bist so gut!“ Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen Gott mit seinem Widersacher verwechseln. Das Gute wird Gott kaum zugeschrieben. Das Schlecht allerdings schon. Doch bin ich selbst so viel besser, auch wenn ich glaube, dass Gott mein Vater und Herr ist?

„Denn obwohl sie schon immer von Gott wussten, verweigerten sie ihm die Ehre und den Dank, die ihm gebühren. Stattdessen kreisten ihre Gedanken um Belangloses, und da sie so unverständig blieben, wurde es schließlich in ihrem Herzen finster.“
Römer 1, 21

Oft nehme ich das, was Gott mir gewährt, als zu selbstverständlich an. Denn eine Garantie für ein vollkommenes Leben hier auf dieser Erde gibt es nicht mehr, seit Adam und Eva sich gegen Gott entschieden haben. Trotzdem beschenkt uns Gott überreich und füllt unser Lebensglas mit Gnade, so dass es überläuft. Und manchmal ist dann alles perfekt. Das ist dann der Zuckerrand. Auch wenn er mal fehlt: die Fülle bleibt. An diesem Heiligabend wurde ich mir dessen erneut bewusst. Dankbarkeit ist die Basis meiner Zufriedenheit. Und deshalb möchte ich dankbarer sein.

„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus dankt Gott, dem Vater,
zu jeder Zeit und für alles!“
Epheser 5, 20

Letztes Weihnachtsfest fehlte der Zuckerrand übrigens nicht mehr. Nachdem wir angestoßen hatten, machte ich meinen Vater und meinen Onkel darauf aufmerksam. Dass sie sich letztes Jahr über dessen Fehlen beschwert hatten, wussten sie nicht mehr. Ihr Kommentar dazu: „Den machst du doch immer!“ Auch das, habe ich gedacht, ist irgendwie menschlich…

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