Jesu Mutter

Weihnachten ist noch gar nicht lange her. Wir feierten das Kommen Jesu auf diese Welt. Dann wurde es ruhiger, das neue Jahr begann und nun bereiten wir uns fast schon wieder auf das Osterfest vor, auf das Gedenken an Jesu Tod.

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Ich frage mich manchmal, wie es Maria wohl in der Zeit nach der Geburt erging, welche Gedanken sie sich machte. Das lebensaufwühlende Ereignis der Geburt war ihr noch ganz nah, wahrscheinlich hallten sogar die Worte des Engels in ihren Ohren nach.

„Sei gegrüßt, Maria! Der Herr ist mit dir!
Er hat dich unter allen Frauen auserwählt.“ Lukas 1, 28  

Sie hielt nun den Schöpfer des Himmels und der Erde in ihren Armen, wiegte ihn in den Schlaf und küsste ihm die Tränen fort. Die ganz normale Gefühlswelt einer Mutter brach über sie herein. Denn ihr Auserwähltsein hatte nicht mit der Geburt Jesu aufgehört. Sie war von Gott ebenfalls erwählt worden, Jesu Mutter zu sein, mit allen Herausforderungen, mit aller Liebe, mit allen Ängsten.

 

2014-07-27 12.10.22

Die Erinnerung an meinen ersten Tag als Mama verschwimmt zwar langsam, ist aber nach wie vor lebendig. Von einer Sekunde auf die andere war das Leben ein anderes gewesen. Ich hatte damals das Gefühl gehabt, dass mir nicht nur ein neues Lebewesen geschenkt worden war. Ebenfalls hatte ich einen komplett neuen emotionalen Bausatz dazu bekommen, ungefragt und leider ohne Gebrauchsanweisung. Im selben Moment als das, objektiv betrachtet, nicht gerade appetitlich aussehende, mit Käseschmiere überzogene winzige Mädchen auf meine erschöpfte, glühende und nassverschwitzte Brust gelegt wurde, war ich mir jedoch sicher gewesen: Für sie würde ich mein Leben geben! Ohne zu zögern. Niemals mehr hatte ich mich dem Geheimnis des Lebens näher gefühlt. Ich dachte damals, dass ich nun eine winzige Ahnung von Gott geschenkt bekommen hatte, wie sehr er seine Kinder liebt, was das „Du bist mein“ in seiner Tiefe bedeutet. Die Liebe für das kleine Bündel Mensch war zu überwältigend. Doch ebenso die Sorgen und Ängste. Sie trieben mich nachts ans Bettchen des Säuglings, ihm den Finger unter die kleine Nase haltend und hoffend, dass er feucht von der kondensierten Atemluft des friedlich Schlummernden wurde, so regungslos wirkte auf mich der Säuglingsschlaf, dass er dem Tod ähnelt und der Grat erschien mir niemals mehr im Leben schmaler. Bei meiner nächsten Tochter war es dann nicht anders, die Unruhe nicht zur Routine geworden. So liebe und weine, verzehre und bange ich auch heute noch um die einst winzigen Wesen, die von nun an immer ein Teil von mir sein würden. Ich habe das Gefühl, dass ich bis dahin nicht wirklich gewusst hatte, was Angst bedeutet. Die Welt verliert spätestens mit der Geburt eines Kindes ihre Unschuld und wird zu einem Ort voller Schrecken. Wie gerne würde ich meine Kinder davor schützen, wie gerne sie davon fernhalten, ihnen ununterbrochen Warnungen hinterherrufen. Ich wünschte, ich könnte ihnen die Welt zu Füßen legen und alles Glück der Welt für sie pachten. Nichts darf ihnen jemals zustoßen, kein Härchen gekrümmt, keine unnötige Träne entlockt werden. Ich wünschte, ich wünschte, ich wünschte.

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Wie erging es also Maria? Das Leben zurück zu Hause war bestimmt nicht besonders leicht. Für ihre Nachbarn war sie immer noch das Mädchen, das unverheiratet schwanger geworden war, eine freizügige Frau, die das Getuschel hinter ihrem Rücken nun auch mit ihrem Sohn auf dem Arm ertragen musste.

„Gott, der Herr, wird ihn auf den Thron seines Vaters David setzen. Er wird für immer über Israel herrschen, und sein Reich wird niemals untergehen!“
Lukas 1, 32-33

Das hatte der Engel zu ihr gesagt. Ob ihr schon damals bewusst gewesen war, was es bedeuteten würde, dass das Baby in ihren Armen einmal der Retter dieser Welt, ja sogar ihr persönlicher Retter werden würde? Das Kreuz, das er auf sich nehmen müsste, den schmachvollen Tod, die Schmerzen, den Verrat, das Gespött, die Einsamkeit? Dass alle Überzeugungen einer Mutter, ihr Kind vor allem Schlimmen bewahren zu wollen, ihr Leben für ihr Kind herzugeben, hier nicht gelten durften, sondern ins Gegenteil gekehrt werden müssten? Dass sie ihn großzog, damit er sterben konnte? Für die Welt, für sie selbst. Hatte Maria eine Ahnung? Vielleicht ja, vielleicht nein, das werden wir hier nie erfahren. Wahrscheinlich aber war sie in erster Linie einfach erstmal eines: Jesu Mutter. Von Gott auserwählt.

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