Brett vorm Kopf

Ein bis zweimal im Jahr fahre ich zu einer weitverbreiteten Möbelhauskette, um einen Tag meinem Alltag zu entfliehen und meine Ruhe zu haben. Ruhe, fragt sich da mancher? Ja, Ruhe! Ich besuche diesen Ort ohne Familie und Freunde. Ich nehme nur ein paar Bücher und meine Gedanken mit. Ich setze mich dort ins Restaurant in die hinterste Ecke auf eine Couch, lese und trinke Kaffee, Tee und Kakao, bis ich alles braun sehe. Nörgelnde Kinder und gestresste Eltern stören mich nicht, meine Spiegelneuronen, die eigentlich Mitgefühl in mir wecken sollten, funktionieren an diesem Tag nicht und das Geschrei ruft in mir lediglich ein Achselzucken und ein „Ist nicht meins!“ hervor. Und was ebenfalls schön ist: ich habe nicht das geringste Bedürfnis irgendetwas tun zu müssen. Daheim habe ich das immer, besonders wenn ich mal versuche abzuschalten. Ich denke, dass die Mitarbeiter es auch seltsam fänden, wenn ich plötzlich in der Küche abwaschen oder die Wohnwände abstauben würde. Meistens kaufe ich auch noch ein paar Dinge ein, aber das ist nicht der eigentliche Grund meines Aufenthalts.

 

2015-01-11 Dortmund Ringelnatz

Letztens war es dann auch wieder soweit und ich habe diesen Tag, zum Unverständnis so mancher Freunde, wieder sehr genossen. Dieses Mal hatte ich sogar ein paar Einkäufe zu erledigen und so landeten in meinem Einkaufswagen neben den obligatorischen Teelichtern und Servietten mehrere Regalbretter. Ich entschied mich für eine Kasse, an der ich meine Artikel selbst scannen konnte. Das und die Bezahlung funktionierten reibungslos und so verließ ich den Kassenbereich und ging zum Auto. Dort kontrollierte ich meinen Kassenbon noch einmal und erschrak. Ein Regalbrett hatte ich vergessen zu scannen. Ich wollte gerade zurückgehen und es bezahlen, als mir unvermittelt, wie aus dem Nebel auftauchend, mehrere Gedanken durch den Kopf schossen:

Ach, so ein Quatsch, das hat doch niemand gemerkt. Sieh es als Geschenk, als weiteren Bonus für diesen Tag, an. Es sind doch nur zehn Euro. Die werden dem Konzern schon nicht fehlen. Die sind doch sowieso viel reicher als du. Jetzt extra wieder zurückgehen, nur wegen dieses einen Bretts. Du bist doch sonst so ehrlich, eine klitzekleine Ausnahme macht dich noch nicht zu einem schlechten Menschen. Die Mitarbeiter werden verächtlich den Kopf über dich schütteln, wegen so einer Lappalie. Und eine Belohnung oder einen Dank wird es dafür auch nicht geben.

Digital StillCamera

Ich hörte diesen Anstiftungen tatsächlich eine Weile zu, mein schlechtes Gewissen versuchte immer wieder dazwischenzurufen, doch es kam nicht gegen das Brüllen, dieser Versuchungen an. Die Sünde wurde mir von diesen Einflüsterungen als harmlos, als das Logische, als das Vernünftige, verkauft. Und ich schäme mich, es sagen zu müssen, doch fast hätte ich ihnen geglaubt, fast hätte ich diesem Reiz, dieser Verblendung nachgegeben, hätte mich ins Auto gesetzt und wäre heimgefahren. Höchstwahrscheinlich hätten mich die Gewissenbisse lange verfolgt, unglücklich gemacht und in Selbstvorwürfen und Demütigungen ergehen lassen. Jedoch auf einmal musste ich an meine Bibellese am Morgen denken. Nicht an den Inhalt oder einen bestimmten Vers, sondern einfach nur daran, dass ich in Gottes Wort gelesen hatte und dass ich daran glaube, dass es mich innerlich nährt und mit Wahrheiten, die nicht von dieser Welt sind, versorgt. Und dann sagte ich „Nein!“ zu diesen Stimmen, zu diesem Blendwerk, das begonnen hatte, ein brüchiges Fundament in meinem Handeln auszuheben. Mit dem Brett und Kassenbon ging ich zurück zur Kasse, erklärte einer Mitarbeiterin, was passiert war. Sie bedankte sich sehr freundlich über meine Ehrlichkeit, ich bezahlte und ging.

SONY DSC

Ich brauchte dann erst einmal einen Kaffee um über das nachzudenken, was da gerade passiert war. Immer wieder denke ich tatsächlich von mir, dass ich doch gar kein so schlechter Mensch bin, dass es doch Schlimmere als mich gibt und merke gar nicht, wie überheblich ich in solchen Momenten bin und wie gefährlich das ist.

„Darum sage ich euch: Lasst euer Leben von Gottes Geist bestimmen. Wenn er euch führt, werdet ihr allen selbstsüchtigen Wünschen widerstehen können. Denn eigensüchtig wie unsere menschliche Natur ist, will sie immer das Gegenteil von dem, was Gottes Geist will. Doch der Geist Gottes duldet unsere Selbstsucht nicht. Beide kämpfen gegeneinander, so dass ihr das Gute, das ihr doch eigentlich wollt, nicht ungehindert tun könnt. Wenn ihr euch aber von Gottes Geist regieren lasst, seid ihr den Forderungen des Gesetzes nicht länger unterworfen.“
Galater 5, 16-18

Diese Begebenheit erinnerte mich an meine selbstsüchtige Natur und deren Kampf mit Gottes Geist, diesen Widerstreit, in dem ich lebe, dem ich mir nicht oft bewusst bin, der mich schnell wanken lassen kann, wenn ich mich nicht an Gottes Geist festkralle. Es war zwar „nur“ ein Regalbrett. Doch welcher Lüge hätte ich vielleicht beim nächsten Mal nachgegeben? Deshalb werde ich weiter daran glauben, dass ich nicht machtlos bin, sondern mit Gott an meiner Seite immer in der Überzahl.

CIMG0091 (2)

2 Gedanken zu “Brett vorm Kopf

  1. Erinnert mich sehr an das Erlebnis in einer bekannten Klüngelschmuck-Ladenkette. Meine Mutter und ich hatten mehrere Teile gekauft, und später, als meine Mutter nachsehen wollte, wieviel eine spezielle Halskette eigentlich gekostet habe, merkte sie: Die war durchgerutscht.
    Was nun? Wir spazierten die Fußgängerzone entlang und beratschlagten über Redlichkeit oder Sparen, bis mir schließlich die Eingebung kam: „Jedes Mal, wenn du in Zukunft diese Kette siehst, wird dich das schlechte Gewissen packen. Du wirst dich nie daran freuen können.“
    Also umgekehrt. Die beiden Angestellten im Laden waren völlig von den Socken, daß es noch so ehrliche Menschen gab – also als Dreingabe gleich noch eine schöne Erfahrung für alle Seiten. Und jedes Mal, wenn Muttern heute die Kette trägt, müssen wir automatisch lächeln. Ehrlich währt eben doch am längsten…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s