Valentinstag

Letzte Woche war Valentinstag. Auch dieses Jahr haben wir ihn nicht gefeiert, und das nicht, weil wir den kommerziellen Kitsch dahinter missbilligen, sondern einfach, weil er nicht in unserem bewussten Jahresrhythmus verankert ist. Die Idee dahinter finde ich eigentlich ganz schön; einen Tag zu haben, an dem die Liebe gefeiert wird. Was findige Geschäftsleute daraus machen und was die Medien unter Liebe verstehen, steht natürlich auf einem anderen Blatt, aber das ist bei Weihnachten nicht anders.

Dieses Jahr dachte ich, dass es eigentlich ganz schön wäre, mal eine ganz andere Liebesgeschichte zu feiern: die zwischen Gott und mir. Mich daran zu erinnern, wie ich mich vor vielen Jahren in Jesus verliebte und ihm mein Herz schenkte. Und so erinnerte ich mich zurück und war erneut überwältigt von dieser Fülle der Liebe, die mich vor mehr als zwanzig Jahren mitriss und die ich sie seitdem niemals mehr missen möchte.

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„Und jetzt möchte ich mit dem reden, um den es heute Abend geht. Lasst uns zum Gebet aufstehen.“

Sitzkissen knirschten und Stuhlbeingummierungen quietschten ruckelnd über den grauen Linoleumboden. Hier und dort wurde eine Hose hochgezogen oder ein T-Shirt gerichtet, bevor die Köpfe sich endgültig neigten. Der Gottesdiensleiter stand vorne auf der Bühne, das Mikrofon mit beiden Händen fest umschlossen. Erst als wieder Ruhe eingekehrt und man nur noch das stetige Summen der Scheinwerfer durch den Saal murmeln hörte, schloss auch er die Augen und begann zu beten. Nach dem Amen raunte das Verrutschen der Stühle wie eine Welle durch den Raum und verebbte aber genauso schnell, wie sie aufgebrandet war. Ich hatte alles beobachtet, denn ich hatte keine Lust gehabt mitzubeten. Oder genauer gesagt, ich hatte keine Lust so zu tun, als würde ich beten. Denn bisher hatte ich immer nur aus Höflichkeit die Augen geschlossen, zugehört und gewartet. Seit ein paar Monaten ging ich nun in diese christliche Jugendgruppe, in die mich ein paar Freundinnen mitgenommen hatten. Auch wenn ich nicht alles verstehen und nachvollziehen konnte, fühlte ich mich trotzdem sehr wohl. Außerdem lernte ich dort Holger, meinen jetzigen Ehemann, kennen. An diesem Abend jedenfalls hatte ich keine Lust etwas vorzutäuschen, was mich gar nicht interessierte oder berührte. Holger und ich saßen in einem Jugendgottesdienst zu dem er mich, wie schon öfter, mitgenommen hatte. Doch dieses Mal war alles anders. Heute tobte es in mir. Ich zeigte meine Wut nicht nach außen. Ich behielt sie damals für mich, ganz fest in meinem Inneren eingeschlossen. Und dennoch war sie da, zerrte an ihren Ketten und polterte in ihrem Kerker. Seit sie vor ein paar Wochen grassamengroß auf einem fruchtbaren Boden aufgekeimt war, war sie gut gegossen worden und wucherte seitdem in mir. Ich hatte das Gerede und Gehabe über einen die Menschen liebenden Gott so satt. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Von Jugendstunde zu Jugendstunde klang es in meinen Ohren immer höhnischer. Wussten die eigentlich alle, worüber sie sprachen, was sie da sangen? Ein Gott, der die Menschen liebt, der sich kümmert und sich sorgt, der für sie da ist, ein Freund und Vater, das Licht in der Dunkelheit, der Erlöser der Welt, der Besieger des Todes?

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Ich sah, wie der Prediger auf die Bühne ging.  Er legte eine dicke, in schwarzes Leder gebundene Bibel auf einen Notenständer. Der Goldrand funkelte im Scheinwerferlicht. Ich wollte gar nicht erst hören, was er zu sagen hatte. Jeder Atemzug kostete mich viel Kraft und egal, wie tief ich die Luft auch einsog, nie schien es genug zu sein. Ich hörte nicht, worüber der Prediger sprach. Ich wollte überhaupt nicht wissen, was er da erzählte. In den letzten Wochen hatte ich nichts von diesem liebenden Gott bemerkt. Ich hatte erlebt, wie ein Mensch leidet. Meine Tante war mir immer ein lieber Mensch gewesen. Die Diagnose Krebs hatte ihrer Lebensfreude ganz schnell Einhalt geboten. Ich hatte dabei zugesehen, wie die tapfere, entschlossene Frau, die ich einst gekannt hatte, immer mehr verschwand. In ihren letzten Wochen lebte sie bei uns zu Hause. Sie schlief in meinem Zimmer, ich in einem Raum im Keller. Die meiste Zeit lag meine Tante in ihrem Bett. Sie schlief viel, die Schmerzmittel hielten sie müde. Wenn sie wach war, starrte sie an die Decke oder an die Wand. Freitags ging ich weiterhin zur Jugendstunde, dankbar für jeden Ausbruch von Zuhause. In dieser Zeit brach ein neuer Gedanke, nein, eher ein Vorwurf, hervor. Da hatte ich sie zum ersten Mal gespürt: die Wut. Wut auf Gott und Wut auf meine Freunde, die für diesen Gott so brannten. Seitdem war die Wut zu meinem ständigen Begleiter geworden. In manchen Momenten versuchte ich, sie abzuschütteln, mit ihr zu argumentieren, sie in ihre Schranken zu weisen. Jedoch besonders in der Nacht verharrte diese falsche Freundin auf ihrem Standpunkt und pochte mir gegen die Schläfen. Denn die Nächte wurden immer schlimmer. Während die Dunkelheit die den Tag bestimmenden Geräusche schluckte, wirkte sie wie ein Verstärker für das, was man sonst zu hören vermeidet; sei es die eigenen zweifelnden Gedanken oder das gequälte Stöhnen und Weinen meiner Tante.

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Bisher hatte ich gedacht, ich wüsste viel über das Sterben und den Tod. Immerhin sind sie oft ein zentrales Thema in Büchern oder Filmen. Doch jetzt wusste ich es besser. Der Tod ist etwas grausames, unaussprechbar schreckliches. All die hübschen Geschichten waren nichts weiter als Lügen. Die ersten Tage nach ihrem Tod erlebte ich wie durch einen dichten Schleier. Ich schlief weiterhin im Keller. Ich mied mein ehemaliges Zimmer. Der Geruch von Krankheit, Schweiß und Desinfektionsmittel war vom Teppich eingesogen worden und dünstete nun allmählich aus ihm heraus. Außerdem musste ich immer wieder daran denken, dass in meinem Zimmer nun ein Mensch gestorben war.

Nun saß ich inmitten dieser Frömmler. Nach außen hin ließ ich mir nichts anmerken. Innerlich jedoch wuchs meine Enttäuschung. Und die war gutes Futter für meine Wut. Je mehr ich mich in ihr verlor, desto mehr Vorwürfe schossen durch meinen Kopf, mehr Dinge, die in meinem Leben nicht gut gelaufen waren. Ich starrte auf das beleuchtete Kreuz hinter der Bühne. Und ich wusste, wen ich verantwortlich machen konnte. Und zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich zu Gott. Ich betete. Auch, wenn ich das damals nicht erkannt habe. Es war ein tobendes und verzweifeltes Gebet. Trotzdem: Ich betete. Ich wusste nicht mehr wohin sonst mit meinem blindwütigen Zorn. Alles, was ich in meinem Herzen eingeschlossen hatte, warf ich nun Gott vor die Füße, bis ich innerlich still wurde. Ich fühlte mich ausgelaugt, erschöpft und leer.

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„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
(Jesaja 43, 1)

Es war ein Bibelvers unter vielen, die der Prediger an diesem Abend zitiert hatte. Doch für mich war es, als hätte jemand ein Brennglas auf diesen Satz gelegt und die gebündelten Worte trafen mich wie eine Ohrfeige, die mich wachrüttelte. Das „Du bist mein!“, hallte in meinem Kopf und in meinem Herzen wieder und gebot der rasenden Stimme Einhalt. Ich kann auch heute noch nicht erklären, was da plötzlich in mir vorging. Es war weder logisch noch rational, weder war das Vergangene ungeschehen noch meine Fragen beantwortet. Ich war vollkommen überwältigt. Ich wollte plötzlich nicht mehr kämpfen. Deshalb ließ ich los. Und fiel. Zum ersten Mal erlebte ich wie es war, in Gottes Hände zu fallen. Frust, Angst, Enttäuschung, Zorn; im Moment spielte all das keine Rolle mehr. Augenblicklich war mir, als würde ein nasser Sandsack von meiner Brust gehoben und ich tat meinen ersten, befreiten Atemzug. Eine Gewissheit machte sich wie warmer, kupferfarbener Sirup in mir breit: Ich bin von Gott geliebt. Ich weiß noch, wie ich dann auf meinem Stuhl zusammensackte und anfing zu weinen.

„Ist alles in Ordnung?“, hatte Holger gefragt und  einen Arm um mich gelegt.

Ich habe ihn angesehen und zwischen all den Tränen, gelächelt. Und dann habe ich gesagt:

„Ja, ab jetzt schon.“

 

2 Gedanken zu “Valentinstag

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