Das Kreuz von Ostern

In sechs Wochen ist Ostern. Und ich merke nichts davon. Natürlich ist die angebrochene Fastenzeit gerade in aller Munde und in der Gemeinde sprechen wir davon, dass wir uns innerlich nun auf Karfreitag und Ostern vorbereiten wollen. Aber das meine ich nicht, wenn ich sage, dass ich nichts davon merke, dass bald Ostern ist.

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Ich rufe mir in Erinnerung, wie es ungefähr sechs Wochen vor Weihnachten aussieht: Weihnachtsdekoration, Plätzchen und Nikoläuse liegen da schon lange Zeit in den Auslagen der Geschäfte. Film- und Musikindustrie versuchen DEN Weihnachts-Hit des Jahres zu produzieren, um dann doch wieder vor „Last Christmas“ zu kapitulieren, Spendenmarathons laufen im Fernsehen, an das Herz und das Gewissen der Menschen wird appelliert, die dazwischengeschaltete Werbung ist anheimelnd und besinnlich einlullend, Zeitschriften geben Dekotipps, Outfitberatungen und Menüvorschläge, die ersten Häuser erstrahlen und blinken in der Abenddämmerung.

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Nun, sechs Wochen vor Ostern, ist das nicht so. Die Ostersüßigkeiten stehen zwar auch schon in den Läden, aber bisher eher bescheiden, zurückhaltend und unauffällig. Vereinzelt blitzt die Osterdekoration auf, aber sie erschlägt mich noch nicht, wie es bisweilen das weihnachtliche Pendant schafft. So richtig los geht es damit meist erst kurz vor Ostern, aber niemals wird derselbe Druck aufgebaut, den ich vor den Weihnachtstagen oft empfinde. Nicht, dass es mich stören würde, im Gegenteil, aber ich frage mich doch, warum das so ist? Warum scheint Weihnachten dem Osterfest vorgezogen zu werden? Warum ist Weihnachten und das ganze Drumherum so groß, so präsent, so allgegenwärtig und umfassend? Warum feiern Menschen auf der Welt, von außen betrachtet, lieber Weihnachten als Ostern und setzen ihren Fokus darauf?

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Wenn ich länger darüber nachdenke, erscheint es mir jedoch logisch. Denn an Weihnachten feiern wir die Geburt eines Kindes, es geht um die schenkende Liebe eines himmlischen Vaters, der mitten unter uns sein möchte, weil er sich nach uns sehnt. All das bereitet uns Freude und erfüllt uns. Und die Geburt eines Kindes zu feiern liegt uns ebenfalls nah, ist nachvollziehbar und auch in unserem alltäglichen Leben nichts Ungewöhnliches. Dagegen halte ich nun den Grundgedanken von Ostern. Vorher liegt der Karfreitag wie ein Stolperstein. Das ist alles andere als behaglich: Schuld, Sünde, Scham, Verurteilung, Unrecht, Verrat, Schmerz, Verlassenheit, Angst und Tod. Derselbe Mensch, das uns als Kind an Weihnachten geschenkt wurde, stirbt nun unschuldig einen elenden Tod am Kreuz. Und das wegen uns. Wegen mir. Sachlich betrachtet sind dies alles keine wirklich guten Gründe um ein Fest auszurichten. Und dann ist da noch diese Auferstehung, das, was wir Christen feiern, den Sieg Jesu über den Tod, die Vergebung unserer Schuld, der Weg, der nun frei zu unserem himmlischen Vater ist. Auferstehen nach dem Tod? Das ist doch eigentlich lächerlich, eine Frechheit, so etwas gibt es nicht. Und weil es das nicht gibt, kann man es auch nicht feiern. Dann lieber Schokolade und bunte Eier verstecken und Osterhasen auf die Fensterbank stellen. Ja, die Freude von Ostern ist immer verbunden mit der Unbequemlichkeit des Karfreitags und der Absurdität der Auferstehung. An Karfreitag müssen wir uns selbst hinterfragen, genau hinsehen auf unsere Schwächen und Fehler, uns selbst demütigen. Und an Ostern müssen wir an das Unmögliche glauben und aus diesem undenkbaren Glauben heraus unser Leben gestalten. Ostern verlangt uns viel mehr ab als Weihnachten. Kein Wunder also, dass das Fest einer Geburt viel lieber gefeiert wird. Aber so unbequem und vermessen es auch zu sein scheint: Weihnachten und Ostern gehören zusammen. Das eine kann ohne das andere nicht gedacht werden. Durch die Auferstehung spricht Jesus uns schließlich zu:

„Der Geist Gottes, des HERRN, ruht auf mir, denn der HERR hat mich gesalbt, um den Armen eine gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, um die zu heilen, die ein gebrochenes Herz haben, und zu verkündigen, dass die Gefangenen freigelassen und die gefesselten befreit werden.“
Jesaja 61, 1

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