Von Jesus die Füße waschen lassen

Da sitze ich also auf einem bequem gepolsterten Stuhl nur mit Unterwäsche bekleidet und mit einem Handtuch umschlungen, das ich verkrampft vor der Brust mit meinen Händen wie einen Schild zusammenraffe. Meine Füße baden in einer Schüssel mit warmen Wasser und vor mir kniet eine Frau, völlig konzentriert in dem, was sie gerade tut: Sie wäscht meine Füße. Und ich kann kaum in Worte fassen, wie unangenehm mir das ist. Zu meinem Geburtstag hatte ich einen Gutschein für eine traditionelle thailändische Massage bekommen und den löste ich auch bald ein, war es doch meine erste Massage dieser Art. Deshalb war mir nicht bewusst, dass das Waschen der Füße zu Beginn dazugehört. Meinen Blick ließ ich rastlos durch den Raum wandern auf der Suche nach etwas, woran ich ihn heften konnte, um nicht peinlich berührt auf die Hände zu starren, die meine Füße sanft, aber bestimmt, wuschen. Eigentlich hätte ich entspannen sollen. Dennoch konnte ich es nicht. Auch wenn meine Füße nicht wirklich schmutzig waren, war es mir doch unangenehm. Irgendwie schämte ich mich. Nicht umsonst sagt man sprichwörtlich, dass unsere verwundbarste Stelle die Achillesverse sei.

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Die Fußwaschung. Eine populäre Geschichte der Bibel, in der Jesus uns zeigt was es bedeutet, unseren Mitmenschen zu dienen. Allerdings zeigt sie uns noch etwas: Dass wir uns erst einmal die Füße von Jesus waschen lassen müssen.Ich liebe es, mir die Szene, wie sie in der Bibel in Johannes 13 in den Versen 4 und 5 beschrieben wird, bildlich vorzustellen. Sie hat etwas Wunderschönes, etwas Beruhigendes, ja Tröstendes: Jesus, der aufsteht und sein Gewand ablegt, zusammenfaltet und beiseite legt, sich umgürtet mit einem Leinentuch. Das Wasser, das aus dem Krug fließt und seidig in die Schüssel plätschert. Jesus, der vor seinen Jünger niederkniet, ihre Füße in seine Hände nimmt und einen nach dem anderen vom Staub des Tages befreit, wie er abschließend das Tuch nimmt, das er sich umgebunden hat und die Füße sacht trocken tupft. Aber ich sehe ebenfalls die Jünger. Ihre entsetzten Gesichter. Wie sie dabei zusehen, wie der HERR des Himmels und der Erde, der das All und alles in ihm geschaffen hat, vor ihnen kniet und ihnen die Füße wäscht. Es ist nicht richtig, eigentlich müssen wir ihm die Füße waschen, denken die Jünger vielleicht. Und aus einem von ihnen muss es regelrecht herausgeplatzt sein:

„Simon Petrus jedoch wehrte sich, als die Reihe an ihn kam. „Herr, du willst mir die Füße waschen?“, sagte er.“ „Nie und nimmer wäscht du mir die Füße!“
Johannes 13, 6 und 8

Und Jesus wird ihn mit entschiedenem Blick angesehen und ihn an die Notwendigkeit der Reinigung erinnert haben:

 „Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“
Johannes 13, 8-9

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Ich kann nur gereinigt werden, wenn ich einsehe, dass ich schmutzig bin. Und dann muss ich Jesus erlauben, meine Füße zu waschen. Rein gewaschen wurde ich bereits durch Jesu Tod am Kreuz. Nichtsdestotrotz werden meine Füße immer wieder dreckig, solange ich hier auf der Erde unterwegs bin. An meinen Füßen kleben meine Selbstsucht, meine Zweifel, meine Lügen, meine Überheblichkeit, meine Lieblosigkeit. Und oft laufe ich meine Füße wund, weil ich durch die Welt hetze und mich zu sehr auf mich und meine eigene Kraft verlasse. Und das erschöpft mich. Deshalb nimmt Jesus meine Füße in seine Hände und wäscht sie rein, sanft, aber bestimmt. Er nimmt mich vorbehaltlos dort an, wo ich mich selbst als unannehmbar erfahre. Und ich lerne immer mehr, es zuzulassen.

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Die Thai-Massage habe ich dann aber doch noch genossen. Später, auf der Liege, als ich mich wie weiches Wachs fühlte, schlummerte ich zwischendurch tiefenentspannt ein.

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