Gethsemanezeiten

Der Tag an dem mich die Nachricht erreichte, dass meine Mutter gestorben war, war ein tiefschwarzer. Ich dachte, dass es nie wieder hell werden könnte. Ich erinnere mich an das Nichtwahrhabenwollen, an die mich zerreißende Qual, an das Gefühl zu ersticken, an die Verzweiflung und das in die Magengrube tretende Gefühl der Endgültigkeit. Ich habe geweint, ich habe geschrien. Ich wollte nicht sprechen, ich wollte nicht beten, ich wollte nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Trauer, Angst und Schmerzen lähmten mich, erdrückten mich, saugten den letzten Tropfen Hoffnung, den ich für meine Mutter gehabt hatte, aus mir heraus und spuckten ihn mir bitter vor die Füße. Ich suchte die Einsamkeit. Dennoch wusste ich, dass ich niemals alleine gewesen bin.

 

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Gethsemane heißt der Garten in den Jesus sich mit seinen engsten Vertrauten nach dem Passahmahl zurückgezogen hatte. Er wollte sie bei sich in der Nähe wissen, während er betet „Abba, Vater, dir ist alles möglich. Lass diesen Leidenskelch an mir vorübergehen“ (Markus 14, 36a), während er mit seinem Vater ringt, ihn anfleht, dass er das, was auf ihn zukommt, doch noch abwenden möge.

 Aber er war von Angst erfüllt und betete noch heftiger
und kämpfte so sehr, dass sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte.
Lukas 22, 44

Jesus ist voller Angst. Vielleicht ist er schweißgebadet, sein Gesicht verzerrt, seine Hände verkrampft, vielleicht liegt er am Boden, vielleicht stützt er sich irgendwo ab, um nicht zusammenzubrechen. Papst Benedikt nannte diese Stunde „ein Ringen zwischen der menschlichen und göttlichen Seele Jesu Christi“. Und dieses menschliche Ringen fließt letztendlich in den Willen Gottes ein.

„Doch dein Wille geschehe, nicht meiner.“
Markus 14, 36b

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Die Bibel zeigt uns hier einen Menschen, der Todesängste leidet, der nicht furchtlos und heroisch dem Verlassensein, den Schmerzen, den Verspottungen und letztendlich dem Tod entgegengeht. Wir sehen keine vorgetäuschte Stärke im Angesicht dessen, was er nun erleiden muss.

Denn Gott hat Christus, der ohne jede Sünde war, mit all unserer Schuld beladen und verurteilt, damit wir von dieser Schuld frei sind und Menschen werden,
die Gott gefallen.
2. Korinther 5, 21

Jesus hatte nie gesündigt, nie Schuld empfunden, nie die Folgen der Sünden erfahren. Und nun sollte er die Sünde der ganzen Welt ertragen, spüren, wie sie auf ihm lastet, ihm regelrecht ins Fleisch schneidet, wie Sorgen und Schuldgefühle ihn erdrücken, wie sie ihm die Luft zum Atmen nehmen und jede Aussicht auf Hoffnung und Heilung versperren. Und er muss erleben, wie der Vater, mit dem er seit jeher verbunden ist, mit dem er schon immer Gemeinschaft hatte, sich von ihm voller Abscheu abwendet. Es wird in dem entsetzlichen Schrei gipfeln: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Matthäus 27, 46

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Und Jesus sah dies auf sich zukommen. Und er hat Angst. Doch was tut er? Er bringt alles seinem Vater. In der Stunde seiner Verzweiflung wendet er sich ihm zu. Er geht nicht alleine durch den Garten. Ich möchte Jesus im Garten von Gethsemane vor Augen haben, wenn ich selbst wieder voller Furcht bin. Wenn ich selbst durch mein persönliches Gethsemane gehe, möchte ich mich nach meinem himmlischen Vater ausstrecken, damit er mit mir zusammen hindurchgeht. Ich darf Angst haben, ich darf verzweifeln, ich darf um mich schlagen und ich darf die Tränen in Strömen über mein Gesicht laufen lassen. Gott wird nicht zu mir sagen: „Stell dich nicht so an!“ Denn er hat alles und noch mehr selbst ertragen.

 Selbst wenn ich durch ein finsteres Tal gehen muss, wo Todesschatten mich umgeben, fürchte ich mich vor keinem Unglück, denn du HERR, bist bei mir!
Psalm 23, 4

Ich selbst spürte damals, wie Jesus mich an die Hand nahm. Wie er mit mir im Garten saß, mich trauern ließ, mit mir weinte, wie er mich wieder auf die Füße zog und Schritt für Schritt, ohne Druck, wieder aus dem Garten hinausführte. Und ich erlebte, dass es wieder hell wurde. Der Schmerz über den Tod meiner Mutter ist nach wie vor lebendig. Doch ebenso die Erinnerung, dass ich mich getragen und verstanden wusste in den Armen Jesu.

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2 Gedanken zu “Gethsemanezeiten

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