Vertane Freundschaft

Freunde. Mit manchen bin ich bereits seit Jahrzehnten unterwegs. Andere begleiten mich erst ein paar Jahre. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Ich vertraue ihnen. Ich bin davon überzeugt, dass sie bewusst nie etwas tun würden, um mich zu verletzen. Dass sie nur das Beste für mich wollen. Wie wäre es wohl, wenn sich einer von ihnen plötzlich entscheiden würde, mir schaden zu wollen? Was muss das für ein Gefühl sein, von einem Freund verraten zu werden?

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Dann ging Judas Iskariot, einer der zwölf Jünger, zu den obersten Priestern und fragte sie: „Wie viel bezahlt ihr mir, wenn ich Jesus an euch verrate?“
Matthäus 26, 14-15

Wie konnte es nur dazu kommen? Diese Frage stelle ich mir oft. All die Jahre, in denen Judas mit Jesus unterwegs gewesen war, ausgewählt von ihm, scheint er die Worte seines Lehrers niemals an sein Herz herangelassen zu haben. Irgendwann scheint das Geld sein Götze geworden zu sein. Wir können lesen, dass Judas die Kasse der Jünger verwaltete und sich daraus bediente (Johannes 12, 6). Er war es auch, der die Frau, die Jesu Haupt gesalbt hatte, rügte, verschwenderisch zu sein. Besser hätte sie das Öl verkaufen und den Erlös den Armen geben sollen, hatte er gemurrt, aber nicht, weil ihm die Armen wirklich am Herzen gelegen hätten (Johannes 12, 3-4). Nach dieser Begebenheit ging Judas zu den obersten Priestern und handelte die Summe für den Verrat an Jesus aus. Dreißig Silberlinge. Die alttestamentliche Summe für den Kauf eines Sklaven. Vielleicht war der Prozess schleichend gewesen. Eine falsche Entscheidung hatte der nächsten die Türe geöffnet und irgendwann hat Judas seine Fehlentscheidungen vielleicht gar nicht mehr als solche erkannt.

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Am Abend des Passahmahls wäscht Jesus auch Judas die Füße, behandelt ihn wie alle anderen, obwohl er von seinem Vorhaben wusste. Indem Jesus Judas die Füße wäscht, lebt er, was er seine Jünger gelehrt hat. Liebt eure Feinde! Judas geht jedoch davon, hinaus in die Nacht, bevor die Abendmahlsfeier zu Ende ist. Und Jesus lässt ihn ziehen. “

„Was du tust, das tue bald!“
Johannes 13, 27

Jesus sieht ihn erst wieder im Garten Gethsemane, inmitten einer bewaffneten Menge. Die silbrigen Olivenbäume sind erleuchtet vom Schein der Fackeln, Schwerter und Knüppel werfen unheimliche Schatten. Jesus reagiert ruhig. Judas geht auf ihn zu. Er sagt nichts, er küsst ihn nur. Das vereinbarte Zeichen für die Schergen diesen festzunehmen. Ein Kuss. Der Ausdruck für Liebe und tiefe Zuneigung wird hier ins Gegenteil verkehrt.

„Dazu bist du gekommen, Freund?“
Matthäus 26, 50

Nach allem, was passiert ist, nennt Jesus ihn trotzdem noch Freund. In diesem Moment stehen sich grenzenlose Gnade und abgrundtiefe Schuld gegenüber. Es scheint fast so, als wolle Jesus Judas noch einmal die Hand reichen, ihm zeigen, dass der Weg, den er eingeschlagen hat, keine Sackgasse sein muss. Was geht in diesem Moment wohl in Judas vor? Die Schuld trifft ihn plötzlich, unvorbereitet, tonnenschwer lastet sie nun auf ihm. Voller Reue läuft er zu den obersten Priestern zurück und wirft ihnen verzweifelt seinen Lohn vor die Füße, als könne er damit seine Tat ungeschehen machen.

„Ich habe gesündigt!“, gestand er, „ich habe einen Unschuldigen verraten.“
Sie fuhren ihn an: „Was geht uns das an? Das ist deine Sache.“
Matthäus 27, 4

Judas ist ihnen völlig gleichgültig. So wie wir dem Teufel gleichgültig sind, wenn wir uns mit unserer Schuld quälen. Dem Widersacher ist es nach einer begangenen Sünde egal, wie es uns geht. Wir haben unseren Zweck erfüllt und sind nun wertlos für ihn. Der Verrat zerfrisst Judas, macht ihn haltlos, verzweifelt, so dass er keinen anderen Ausweg erkennen kann. Judas wählt den Tod. Augustinus sagte, dass Judas selbst zur Nacht wurde. Zum Gegenbild des ewigen Lebens, das Jesus ihm geboten hatte. Manchmal frage ich mich, wie es mit Judas weitergegangen wäre, wenn er Jesu Auferstehung miterlebt hätte. Hätte er wie Petrus Vergebung erfahren können, vollkommen verändert und geheilt werden können?

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Judas ist für mich ein mahnendes Beispiel. Ich muss mich hinterfragen: Habe ich die Worte Jesu, seine Botschaft, seine Liebe, mein Herz wirklich berühren und verändern lassen? Oder bin ich vielleicht nur ein Mitläufer? Und wie verhalte ich mich in einer Krise? Lebe ich das, was Jesus mich gelehrt hat, nehme ich die Vergebung und Heilung, die er anbietet, tatsächlich an? Erkenne ich den Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit, die mich umgibt? Oder wende ich mich verzweifelt ab und zerbreche daran, wie Judas es tat? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Treffe ich meine Entscheidungen im Einklang mit seinem Willen oder schweife ich, kaum merklich, immer weiter ab und lasse mich verführen. Ich will mich immer wieder von Gott prüfen lassen. Weil Jesus mich Freund nennt.

„Wenn Christus für mich gestorben ist, der ich doch so gottlos und kraftlos bin, dann kann ich nicht länger in der Sünde leben; ich muß mich aufmachen, ihn lieben und ihm dienen, der mich erlöst hat. Ich kann nicht mit dem Bösen spielen, das meinen besten Freund tötet; ich muß heilig sein um seinetwillen. Wie kann ich in der Sünde leben, wenn er gestorben ist, um mich davor zu retten?“

Spurgeon, Aus: Ganz aus Gnaden

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