Zweite Chance

Vor 15 Jahren waren Holger und ich im Kino und sahen uns die Passion Christi an. Ein Film, der mich zutiefst schockierte, aber auch nachdenklich werden ließ. Was sich mir jedoch noch tiefer ins Gedächtnis gebrannt hatte, war die Reaktion des Publikums. Niemals habe ich so etwas erlebt. Sonst gehen die Leute sich unterhaltend während des Abspanns aus dem Saal. Doch an diesem Abend verließ niemand den Raum. Es war totenstill, vereinzelte Schluchzer waren zu hören. Selbst als das Licht anging, schien sich niemand bewegen zu wollen. Die Angestellten standen mit ihren Mülltüten etwas ratlos am Eingang. Erst nach und nach standen die Zuschauer auf und gingen. Bereits während des Films hörte ich die junge Frau, die neben mir saß, immer wieder unter Tränen sagen: „Aber er hat doch gar nichts getan!“

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Karfreitag. Es war, ist und bleibt ein unfassbarer Akt der Geschichte, der die Gemüter spaltet. Der, der ohne Sünde war, Gottes Sohn, Gott selbst, die Liebe in ihrer reinsten Form, wird zur Sünde und der Sünde Lohn ist der Tod. Nie werde ich es ganz verstehen. Nie das Ausmaß dieser Tat wirklich begreifen. Ich habe nur verstanden, dass es auch meinetwegen geschah. Und ich empfinde tiefe Reue, weil er das Urteil trug, das mir gesprochen wurde. Doch Jesus hebt meinen Blick vom Boden, wischt meine Tränen fort und flüstert mir zu „Weil ich lebe, sollt auch ihr leben.“ (Johannes 14, 19). Bald ist Karfreitag. Er erinnert uns daran, dass unsere Erlösung teuer erkauft ist. Selbst für die, die sie gar nicht haben wollten und wollen.

Es war Brauch, dass der Statthalter jedes Jahr anlässlich des Passahfestes einen Gefangenen freiließ, den das Volk bestimmen durfte. In diesem Jahr saß ein berüchtigter Verbrecher namens Barabbas im Gefängnis. Als die Menge sich an diesem Morgen vor dem Haus von Pilatus versammelt hatte, fragte er sie: „Welchen soll ich für euch freilassen – Barabbas oder Jesus, den man den Christus nennt?“
Matthäus 27, 15-17

Barabbas. Wegen Mordes saß er im Gefängnis. Ausgerechnet ihn stellt Pilatus der Menschenmenge zur Wahl. Vielleicht weil er hoffte, Jesus doch noch vor dem Tod bewahren zu können. Umso fassungsloser war Pilatus, als die Menge die Freilassung des Mörders verlangte. Ihm blieb nichts anderes übrig:

Also ließ Pilatus Barabbas frei. Jesus aber ließ er auspeitschen und lieferte ihn dann den römischen Soldaten aus, die ihn kreuzigen sollten.
Matthäus 27, 26

 

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An der Stelle eines Mörders wurde ein Unschuldiger gekreuzigt. Barabbas wurde durch Jesus zum freien Mann. Er war der erste Mensch, an dessen Stelle Jesus gestorben war. Und er hat noch nicht einmal danach gefragt, es nicht verlangt oder gar in Betracht gezogen. Was empfand Barabbas wohl als er die Nachricht erhielt? Hatte er deshalb ein schlechtes Gewissen, so wie ich es immer wieder habe? Wollte er die Entscheidung ablehnen, sich weigern, dass jemand für ihn die Strafe zahlte? Oder war es ihm egal? War er einfach nur froh darüber, gerade nochmal davongekommen zu sein? War er vielleicht sogar schadenfroh? Und ich frage mich: Was hat Barabbas aus seiner zweiten Chance gemacht? Hat er sich vielleicht erkundigt, wessen Leben für seins hergegeben wurde, oder kannte er die Erzählungen von diesem Jesus aus Nazareth bereits? Ob er wohl dann die Gerüchte der Auferstehung gehört hat und ihnen nachgegangen ist? Erlebte er die Predigten Petrus‘ und die Geburt der Gemeinde Jesu? Wurde er möglicherweise selbst ein Nachfolger und erlebte Befreiung nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch darüber hinaus? Oder ist er wieder in alte Muster zurückgefallen und ein Verbrecher geblieben? Egal, wie sich Barabbas letztendlich entschieden hat, feststeht: Jesus ist auch für ihn am Kreuz gestorben. Und hätte das Volk nicht Barabbas‘ Freilassung gefordert, so hätte Jesus das wahrscheinlich selbst verlangt. Deshalb sagte er zu Pilatus:

„Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“
Johannes 19, 11

So ist Jesus. Liebe in seiner reinsten Form. Eine Liebe, die so stark ist, Vergebung zu schenken, auch auf die Gefahr hin, dass sie gar nicht gewollt ist. Aber ich möchte aus der Vergebung heraus leben. Weil Jesus lebt!

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