Ohne Worte

In der Woche vor Ostern fesselte mich eine Erkältung ans Bett. Eine Woche lang konnte ich nicht sprechen. Wenn ich es versuchte, verließen nur verzerrte Krächzer meinen Mund oder die Stimme brach mir komplett weg. Es war ein beunruhigendes Gefühl, doch ich wusste ja, dass es nur vorübergehend sein würde. Komplizierter wurde meine Erkrankung dadurch, dass die Kinder schon Ferien hatten. Das heißt, dass ich noch nicht einmal die Vormittage, während sie in der Schule gewesen wären, zum Ausruhen hatte. Das ist es auch, was ich als Mutter ein wenig vermisse: Einfach nur krank sein. Einfach nur ein paar Tage im Bett liegen, schlafen, auf der Couch lümmeln und mich in mein „Leid“ hüllen, bis es mir besser geht. Seit ich Kinder habe, funktioniert das leider nicht so. Das Verständnis und Mitgefühl ihrerseits ist zwar immer da, doch ihre Bedürfnisse eben genau so. Seit sie jetzt aber etwas größer sind, klappt das eigene Kranksein aber schon viel besser. Sie haben sich in ihren Zimmern gut selbst beschäftigt und wenn die Langeweile dann allzu groß wurde, musste diese Woche halt der Fernseher oder die Konsole herhalten. Ist ja eine Ausnahmesituation.

2014-07-27 12.10.22

Schwieriger war es in dieser Woche, mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren. Das Telefon ließ ich klingeln und allen anderen versuchte ich mit Händen und Füßen zu deuten, was ich wollte. Eine Frau holte in diesen Tagen ein Trampolin bei uns ab, das wir verkauft hatten. Nachdem ich ihr die Tür geöffnet hatte und ihr nur ein gehauchtes „Hallo“ zur Begrüßung anbieten konnte, war sie davon überzeugt, dass bei mir im Haus ein Baby schlafen müsste. Trotz heftigem Kopfschütteln meinerseits war sie von dem Gedanken nicht mehr abzubringen und so flüsterte sie ebenfalls und schlich mir auf Zehenspitzen hinterher. Sie erzählte mir, wie schrecklich sie es immer gefunden habe, wenn jemand an der Tür geklingelt hatte, wenn ihre Kindern gerade ihren Mittagsschlaf gemacht hatten. Ich gab den Versuch auf sie aufzuklären und freute mich, dass sie dann auch nicht mehr über den Preis verhandeln wollte, mir das Geld in die Hand drückte, die Autotür leise ins Schloss drückte und mit entschuldigender Miene den Wagen startete. Einkaufen war ebenfalls schwierig. Die Käsetheke mied ich und Bekannten winkte ich von weitem zu. Dass niemand so genau wusste, was ich wollte, verwunderte mich nicht. Weder konnte ich mich ihnen verständlich machen, noch kannten sie mich. Ganz im Gegensatz zu meinen Kindern. Auch ihnen konnte ich mich nicht mitteilen. Trotzdem verstanden sie mich fast immer. Sie wussten, wie sie sich verhalten mussten, damit ich mich Ausruhen und Genesen konnte, sie verstanden, wenn ich etwas von ihnen wollte und sie wussten, was sie zu tun haben. Ich musste keine Verbote aussprechen, weil sie wussten, was sie nicht dürfen und ich musste ihnen keine Aufgaben geben, damit sie mir helfen. Und sie wussten, was mich ärgert und was mir Freude bereitet. Sie kennen mich. Und ich kenne sie. Wir sind eine Familie, wir sind eine Gemeinschaft. Wir leben zusammen und teilen alles seit so vielen Jahren. Da braucht man nicht immer Worte um zu verstehen, was der andere möchte. Natürlich haben sie nicht alles mit großer Begeisterung getan. Doch sie wussten, dass es wichtig war. Und wenn sie etwas angestellt haben, bemerkte ich ihr schlechtes Gewissen und oft haben sie mir dann davon erzählt. Denn sie wissen auch, was nicht in Ordnung ist. Diese blinde Vertrautheit konnte nur wachsen, weil wir zusammen sind, weil wir uns kennen, weil wir fast alles übereinander wissen und so den anderen immer mehr kennenlernen.

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Diese Woche ohne Stimme hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig es ist, dass ich mit Gott eine ebenso enge Beziehung lebe. Ich möchte mit ihm mein Leben teilen und ihn immer besser kennenlernen, mit ihm zusammen durch Höhen und Tiefen gehen, sein Wort hören, ihm alles erzählen, zuhören und verstehen. Nur dann werde ich seinen Willen erkennen und ganz selbstverständlich in meinem Alltag integriert wissen, ohne unsicher umherzuschleichen. Nur dann werde ich ihm blind vertrauen können. Nur dann werde ich wissen, wovor Gott mich beschützen möchte und was ich deshalb nicht tun soll. Nur dann kann ich, wenn ich einen Fehler gemacht habe, voller Vertrauen und ohne Angst zu ihm kommen und er wird mir vergeben. Ich wünsche, dass Gott nicht nur ein entfernter Bekannter von mir ist, sondern mein Leben, mein Vater, meine Familie.

„[…] Es geht darum, dass wir ein Leben nach Gottes Willen führen und mit Frieden und Freude erfüllt werden, wo wie es der Heilige Geist schenkt.“
Römer 14, 17

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