Pfennigfuchser

Es ist zwar schon ein kleines Weilchen her, doch trotzdem kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich damals meinen Führerschein abgeholt habe. Die Prüfung hatte ich zwei Wochen vor meinem achtzehnten Geburtstag bestanden, weshalb ich ihn nicht sofort ausgehändigt bekam. Deshalb brachte mich meine Mutter am Morgen meines Geburtstages zum Bahnhof, damit ich mit dem Zug zur Führerscheinstelle fahren konnte. Für den Heimweg würde ein klappriges, winziges Auto auf dem Parkplatz auf mich warten, mit dem ich dann alleine fahren könnte (auch wenn ich die Vorstellung nach wie vor tollkühn finde, dass man mich einfach so, ganz alleine, auf den Straßenverkehr losgelassen hat).

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Im Kreisamt angekommen, fand ich meinen Weg zur Fahrerlaubnisbehörde, ein großer neonröhrenerhellter Raum mit niedrigen Decken und einer Fensterfront, durch die kaum Licht einfiel. Es gab fünf Schreibtische und an zweien saß jeweils ein Beamter. Davor gab es einen Wartebereich mit vielleicht fünfzig Sitzplätzen aus braunem Hartschalenplastik, die wie in einem Theater auf die Schreibtische ausgerichtet waren. Niemand wartete dort. Ich war mit den beiden Bediensteten allein. Und so ging ich also zielstrebig auf einen der beiden besetzten Tische zu, setzte mich und nachdem ein „Guten Morgen“ über meine Lippen gehüpft war, wurde ich auch schon unterbrochen. „Haben Sie eine Nummer gezogen?“ – „Äh, eine Nummer?“, stammelte ich verwirrt. „Ja, eine Wartenummer.“ Der Mann, der mir gegenüber saß, neigte seinen Kopf ein wenig und deutete hinter mich. Ich drehte mich um und entdeckte im hinteren Teil des Raumes einen kleinen Kasten auf einem Metallständer. Darüber das Schild mit dem Hinweis, sich eine Nummer zu ziehen. Doch ebenso erblickte ich den vollkommen leeren Wartebereich. Deshalb drehte ich mich wieder zu dem Herrn um und sagte völlig naiv: „Aber hier ist doch sonst niemand.“ Doch der Mann sah mich ausdruckslos an. Nichts deutete auf einen Scherz hin. Auch vom Nebentisch hörte ich kein Lachen. Fassungslos und schicksalsergeben stand ich also auf und ging durch den Raum zum dem schwarzen Kasten, der mir einen kleinen Zettel mit einer Nummer in die Hand spuckte. 018. Ich sah auf die Anzeigetafel im Raum. 015 stand da. Ich war also noch nicht an der Reihe. Resigniert setzte ich mich. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, um vielleicht doch irgendwo eine versteckte Kamera zu entdecken. Doch ich fand nur die nach wie vor versteinerte Miene des Beamten. BING machte es und die Zahl auf dem Bildschirm über den Bearbeitungstischen wurde zu einer 016. Dann wieder Stille. BING macht es erneut und die 017 erschien. Der Beamte sah von rechts nach links und nach einer weiteren Minute machte es wieder BING und ich ging mit meinem Zettelchen in der Hand wieder an den Tisch, dieses Mal jedoch zögerlicher. Zum Beweis, dass ich nun das Recht hatte, Platz zu nehmen, wedelte ich die Wartenummer vor seinem Gesicht herum. Das beeindruckte ihn jedoch kein bisschen. Dann ging alles ganz schnell. Mit meinem Führerschein in der Tasche ging ich durch den nach wie vor leeren Wartebereich und verließ das Gebäude. Ich wusste nicht genau, welches Gefühl überwog: die Freude über meinen Führerschein oder die Verwunderung darüber, was soeben geschehen war.

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Zu dieser Zeit war ich noch nicht lange mit Gott unterwegs. Vieles war neu für mich, die Bibel las ich zum ersten Mal in meinem Leben und ich lernte Jesus jeden Tag ein bisschen mehr kennen. Und auch dieses Erlebnis brachte mich meinem Gott ein Stückchen näher. Menschliches Handeln kann oft abweisend und fast lächerlich gnadenlos sein. In der Bibel aber las ich Aussagen wie:

Kommt zu mir und lasst euch retten, ihr Menschen aus allen Winkeln der Erde!
Denn ich bin der einzige Gott.
Jesaja 45, 22

Oder:

Alle Menschen, die mir der Vater gibt, werden zu mir kommen,
und keinen von ihnen werde ich je abweisen.
Johannes 6, 37

Und dafür war ich unendlich dankbar.

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Mit meinem Führerschein in der Tasche setzte ich mich hinter das Steuer meines klapprigen Wagens. Durch die Fahrschule war mir alles nötige Wissen an die Hand gegeben worden. Nun war es Zeit, selbst loszufahren. Der Tank war voll und ich bereit. Nervös startete ich den Motor. Die Reise konnte beginnen

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