Am Ende des Weges

Letztes Jahr verbrachten wir als Familie eine herrliche Woche am Comer See in Italien. Meistens lagen wir im Schatten eines wuchtigen Olivenbaums am See, ließen unsere Blicke über die mächtige Kulisse der Alpen schweifen, beobachteten, wie kleine Schäfchenwolken von der Hitze der Sonne aufgelöst wurden und lauschten dem sanften Rauschen des Flusses, der sich nach seiner Reise von den Bergen hier in den See ergoss. Den ganzen Tag flogen Pflanzensamen durch die Luft, die wie kleine Zuckerwattestücke aussahen. Die Kinder waren fast ununterbrochen im Wasser und manchmal gesellte ich mich auf einer Luftmatratze dazu, kühlte mich ein wenig ab und ließ mich treiben.

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Manchmal machten wir uns aber auf den Weg, um die Städtchen des Sees zu erkunden. An einem Tag hatten wir uns vorgenommen Belaggio zu besichtigen. Es sollte ein sehr heißer Tag werden, doch wir wollten unsere Pläne nicht mehr verändern. So fuhren wir schon früh am Morgen mit einer der ersten Fähren über den noch müden See, während der Fahrtwind lange Mädchenhaare zerzauste und vereinzelte Gischtspritzer unsere Füße sprenkelten. Um ehrlich zu sein, war Belaggio für uns dann doch eine Enttäuschung. Mag sein, dass es ein hübsches Städtchen mit einer perfekten Lage am See ist. Doch wie in der Sommersaison üblich, waren die Straßen überfüllt, die Preise in den Cafés unverschämt und nicht zuletzt fühlten wir uns irgendwie fehl am Platz. Dazu war es mittlerweile so heiß, dass man meinte, die Umgebung riechen und schmecken zu können. Bald hatten wir genug von der Stadt und wir kehrten zum Bootsanleger zurück. Als wir dann auf der Fähre saßen und das Schiff den übernächsten Hafen anfuhr, entschieden wir uns spontan, doch noch einmal auszusteigen.

DSC06953Der nächste Punkt hieß Villa Carlotta und wir konnten von der Fähre aus einen kurzen Blick darauf erhaschen. Wir dachten, dass wir einen kurzen Abstecher machen könnten. Der Weg zur Villa war dann doch weiter als gedacht. Er führte zunächst am Ufer des Sees entlang, das nun am Nachmittag in der erbarmungslosen Sonne lag. Der nächste Wegabschnitt führte zwar durch einen schattigen Wald, doch es ging steil bergauf und die Schwüle des Tages trugen wir wie einen schweren Rucksack auf unseren Schultern. Der Schweiß tropfte uns von der Stirn und unsere Kleidung klebte am Körper. Der Weg zur Villa war mühsam und anstrengend. Doch wir hatten ja ein Ziel, auf das wir uns freuen durften, wo wir zur Belohnung rasten und uns erholen konnten. Endlich kamen wir an der Eingangspforte an. Doch dann die Ernüchterung: Es gab einen Eintrittspreis. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Die Höhe des Preises allerdings schon. Soviel Geld hatten wir gar nicht dabei. Wir blieben also am Tor stehen und starrten weiterhin auf den Preis an der Tafel, den wir nicht zahlen konnten, während andere erschöpfte Wanderer an uns vorbei in den Garten gingen. Ich fühlte mich furchtbar. Die ganze Mühe war umsonst gewesen. Wir kamen nicht hinein. Der Preis war einfach zu hoch. So kehrten wir deprimiert um. Am Bootsanleger kramte ich unseren Reiseführer raus. Dort las ich, was wir verpasst hatten. Die Villa Carlotta ist ein klassizistisches Herrschaftshaus. Publikumsmagnet ist der dazuzgehörige Gartenpark, der zu den schönsten am Comer See gehören soll. Unter dem Punkt Infos stand ebenfalls der Eintrittspreis. Er war kein Geheimnis. Alles war in dem Reiseführer nachzulesen, den ich die ganze Zeit dabei hatte. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf und war nun noch frustrierter als zuvor. Alles, was ich für unseren Aufenthalt hier am See wissen musste, hielt ich in meinen Händen.
DSC06988Später am Abend drückte die Schwere eines Sommertages unsere erhitzten Körper in die Stühle auf unserem Balkon. Ich nippte an eiskalten Weißwein, tunkte Brot in moosgrünes Olivenöl und bewunderte den fliederfarbenen Himmel. Eigentlich, musste ich denken, besitze ich ebenso einen Reiseführer für meinen Aufenthalt hier auf der Erde: die Bibel. Auch in ihr steht alles, was ich brauche. Gott macht kein Geheimnis daraus, was wirklich wichtig ist und wie die ganze Geschichte ausgehen wird.   Am Ende des Lebens wird es vielleicht so sein wie auf der Wanderung zur Villa Carlotta. Alle werden denselben beschwerlichen Weg hinter sich gebracht haben, alle kommen erschöpft und müde an und sehnen sich nach Ruhe. Aber nicht alle werden eingelassen. Manch einer wird wie wir damals am Tor stehen und nicht hineinkommen. Der verlangte Eintrittspreis ist einfach zu hoch und nicht verhandelbar. Kein Mensch kann ihn selbst aufbringen. Nur Jesus konnte diesen Preis bezahlen. Und weil ich sein Kind bin, bin ich eingeladen einzutreten.

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich.
Johannes 14, 6

 

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4 Gedanken zu “Am Ende des Weges

  1. Ich bin nicht sicher….ob Gott nicht die Türe dem öffnet, der bittet hereinkommen zu dürfen. Ist das vor der Türe stehen nicht schon ein Zeichen dafür, dass der Mensch auf seiner beschwerlichen Reise einiges gelernt hat? Oder vielleicht hat er nicht mehr an die Herberge am Schluss geglaubt und freut sich nun umsomehr, dass sie doch da ist? Welcher Gott würde dieses, sein Kind draussen stehen lassen? DieseGedanken gehen mir oft durch den Kopf….

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