Perfekt unperfekt

Mit diesem sehnsuchtsvollen Reisebericht verabschiede ich mich in die Sommerpause. Ich wünsche euch herrliche Tage, gute Gemeinschaften und eine erfüllte Zeit. Ich wünsche euch, dass ihr aufmerksam bleibt für Gottes Fingerzeige, seine Nähe sucht und euch beschenken lasst. Seid gesegnet, eure Nicole 🙂

Ich liebe es, gemeinsam mit meiner Familie unterwegs zu sein. Schon vor den Kindern habe ich die Reisen mit meinem Mann sehr genossen. Geblieben sind wundervolle Erinnerungen. Tausende Kilometer Asphalt, Geröll- und Sandpisten haben wir zurückgelegt, jede Strecke einzigartig, jedes Ziel ein erweiterter Horizont, jede Entfernung wurde zur Nähe zwischen uns. Reisen inspiriert mich, Reisen bereichert meine Sinne und lässt mich staunen vor einem wunderbaren Schöpfer, der den Menschen diese atemberaubende Welt schenkt.

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Einer unserer ersten gemeinsamen Roadtrips führte uns in die Toskana. Mit einem kleinen blauen Auto, das bis unters Dach vollgepackt war, fuhren wir von Dorf zu Dorf und studierten die Dolce Vita. Begleitet wurden wir stets von ölgemäldegleichen Landschaftspanoramen: geschwungene Straßen, plätschernde Hügelwellen, Zypressen so dunkelgrün, dass sie wie schwarze Schatten in den Himmel aufragten, überquellende Olivenbäume und ein Himmel wie Seide. An einem dieser Tage verbarg die Toskana ihre Postkartenansichten jedoch hinter einem Vorhang aus betongrauen, aufgedunsenen Wolken und Regentropfen so fein, dass sie wie ein Schleier alles umhüllten. Holger und ich waren im Chianti unterwegs und machten Zwischenstation in einem kleinen Städtchen. Wir setzten uns in ein Café, tranken Espresso und aßen klebriges Gebäck. Doch die Urlaubsstimmung ließ sich nicht heben und der Himmel kündete keine Besserung an. Deshalb verbrachten wir den restlichen Tag im Zimmer unserer Pension, Holger in einer Zeitschrift und ich in meiner schlechten Laune vertieft.

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Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn Holger weckte mich und deutete auf den rotglühenden Horizont, der nur noch vereinzelt von Wolken gesprenkelt war. Wir verließen die Pension und gingen zur Piazza des kleinen Örtchens, der wie ein großes Dreieck aussah, umschlossen von mittelalterlich anmutenden Gebäuden, die allerlei Geschäfte beherbergten. Wir erkundeten die kleinen Läden, bestaunten in einem Weingeschäft Chianti Classicos, deren Jahrgangszahlen mit einer mehligen Staubschicht vernebelt waren, probierten in einer Metzgerei salzigen Parmaschinken, so dünn geschnitten, dass man fast durchsehen konnte und die Fettschicht auf der Zunge schmolz, und glänzende Wildschweinsalami. In einem anderen Laden hobelte man uns Parmesanscheiben von wagenradgroßen Laiben und ließ uns geröstetes Weißbrot in fruchtiges Olivenöl tunken, das wie frisch gemähtes Gras duftete. Auf der Piazza selbst fand ein kleiner Trödelmarkt statt.

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Es waren höchstens fünfzehn Stände, manche nicht mehr als ein Klapptisch. Die Sonne hatte ihre Aufgabe den pfirsichfarbenen Straßenlaternen übertragen und Kinder liefen mit selbstgebastelten Laternen zwischen den Leuten umher, die nun alle Richtung Kirchplatz strömten. Dort bereiteten sich ein paar Männer und Frauen in ballonartigen, weißen Kostümen und bunten Schärpen auf ihren Auftritt vor. Sie entzündeten Fackeln und wirbelten sie dann durch die Luft. Manchmal versuchten sie auch, sich die Fackeln zuzuwerfen, was meistens nicht gelang. Trotz des kaum vorhandenen Talentes waren die Menschen begeistert und jubelten und riefen laut „Bravo!“. Beendet wurde die Vorstellung von einem kurzen Feuerwerk, das zu den „Ahs“ und „Ohs“ des Publikums choreografiert schien. Dann wurde ein Feuer entzündet und die Kinder warfen ihre Laternen in die Flammen, die sich am Nachthimmel in tanzende glühende Fetzen verwandelten, bevor sie endgültig zu Asche zerfielen. Die Menschen lagen sich in den Armen, unterhielten sich lautstark und ihr Lachen prallte gegen die bröckligen Häuserfassaden und kehrte immer wieder zurück.

16Holger und ich wollten wissen, um welches Fest es sich hier eigentlich handelte. Und so fragten wir die Leute, worauf wir zu einem Tisch, nicht größer als ein Tablett, geführt wurden, an dem ein alter Mann saß, der Honig verkaufte. Die letzten grauen Haare hatte er akkurat zur Seite gekämmt, seine Haut war zerfurcht wie die eines Elefanten und sein Blick thronte weise über den anderen. Er wäre der einzige hier, der gut Englisch sprechen könnte, so versuchten die Menschen uns klarzumachen, denn italienisch beherrschten wir beide nicht. Und so sprach der Mann in einer Sprache zu uns, die uns ein Rätsel war, umringt von dutzenden Italienern, die ehrfurchtsvoll nickten und gestikulierten. Am Ende des Vortrages hatten wir kein Wort verstanden und trotzdem waren wir wie berauscht. Wir bedankten uns vielmals und der Mann schien äußerst zufrieden mit sich zu sein, genauso wie die Menschen um ihn herum, die ihm vereinzelt auf die Schulter klopften und Küsse auf die Wangen drückten. Als es spät geworden war, verließ einer nach dem anderen den Platz und die Händler bauten ihre Stände zusammen. Holger und ich wiegten langsam über den Platz zurück zur Pension. Wie ich so in Holgers Armen lag, dachte ich daran, wie Gott uns doch immer wieder mit Gnade und Schönheit beschenkt. An diesem Abend begriff ich, dass es zum Glücklichsein nicht viel brauchte, vor allem eines nicht: Perfektion.

 

Sei zufrieden mit dem, was du hast, und verlange nicht ständig nach mehr, denn das ist vergebliche Mühe – so als wolltest du den Wind einfangen.
Prediger 6, 9

 

 

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