Schieflagen

Unsere Nachbarn haben eine wunderschöne Felsenbirne vor ihrem Haus. Herrlich ist der Baum anzusehen. Der Stamm ist kerzengerade, die Krone üppig und zartgrün. Im Frühjahr ist es der erste Baum, der blüht. Dann wiegen sich die wolkenweißen Blüten im Takt des noch kühlen Windes, helfen der Sonne, ihre ersten warmen Strahlen zu reflektieren und blicken erhaben auf die ansonsten noch spärlich erwachende Landschaft. Irgendwann tänzeln die Blüten zu Boden und wirft man nur einen flüchtigen Blick darauf, könnte man meinen, der Winter wäre zurückgekehrt und es hätte geschneit. IMG_20190411_080220638

Vor ein paar Jahren beobachtete ich etwas Seltsames. Mein Nachbar beäugte kritisch den Baum, zog immer wieder am Stamm, trat einige Schritte zurück, um dann wiederum am Stamm zu ziehen. Da sah ich es auch: Die Felsenbirne stand ganz schief. Eine halbe Stunde später standen, typisch Dorf, mein Nachbar, mein Vater und ich neben dem Baum und begutachteten ihn. „Die Wurzeln sind nicht tief genug“, meinte mein Vater. „Lange halten sie den Baum nicht mehr.“ Wir drei betrachteten den Baum nachdenklich, die schlanken Äste, die sich in den Himmel reckten und an denen saftig grüne Blätter hingen. Zu schade wäre es, wenn die Wurzeln keine Kraft mehr hätten und der Baum aus dem Erdreich gerissen würde. Ihn umzusetzen wäre zu mühsam, dafür war er einfach zu groß. Verständlicherweise wollte mein Nachbar seine wunderschöne Felsenbirne nicht kampflos aufgeben. Deshalb musste schweres Gerät her. Mein Vater bohrte mit einer Schlagbohrmaschine eine dicke Ösenschraube in den Bordstein. Dann wickelten sie einen Spanngurt um den Stamm, befestigten diesen an der Schraube und zogen den Gurt fest. Grade war der Baum immer noch nicht, doch das sollte ihn wohl erst einmal halten .

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Aus unserem Esszimmer blicke ich jeden Tag auf diesen Baum. Ich beobachte, dass sich der Stamm trotzdem weiter neigt, egal wie fest der Gurt immer wieder gezogen wird. Gehe ich durch die Einfahrt der Nachbarn, halte ich lieber ein wenig Abstand. Man kann ja nie wissen. Irgendwann ist mir jedoch an dem Stamm etwas aufgefallen: ein kleiner Riss in der Rinde hatte sich dort gebildet, wo der Stamm in die Krone übergeht. Dieser Riss wurde in den letzten Jahren immer größer und nun zieht er sich über den gesamten Stamm. Die Borke ist regelrecht aufgeplatzt. Es sieht so aus, als würde der Baum seine Rinde wie einen Bademantel abstreifen wollen. Die Seiten sind bereits zurückgeklappt und legen die silbrige Haut darunter frei. Es ist klar, dass dieser Baum vergehen wird, obwohl seine Wurzeln in der Erde stecken. IMG_20190609_122704566_HDR

Unser Pastor Dr. Steffen Schulte sagte einmal in seiner Predigt: „Wir können Gottes Gebote nicht brechen, ohne dass sie uns brechen.“ Und es stimmt. Viele haben ja eher den Eindruck, dass Gebote uns Menschen und unsere Selbstbestimmtheit einschränken würden. Dass Gott uns einschränken möchte. Doch was geschieht, wenn wir seine Gebote brechen? Was geschieht, wenn wir uns an eine andere Sicherheit hängen, wenn wir selbst einen Spanngurt um unser Leben schnallen? Ehre ich Gott, den Schöpfer und liebenden Vater nicht, stelle ich etwas Anderes an seinen Platz, denn wir Menschen sind anbetende Wesen, dazu wurden wir geschaffen. Die Frage ist nur, ob der Platzhalter es ebenso gut mit mir meint wie der HERR. Reichtum, Schönheit oder andere Götzen sind es doch letztendlich, die einen Sklaven aus mir machen, die meine Sehnsüchte aber niemals vollständig zufriedenstellen werden, weil sie immer mehr verlangen, weil es ein reich genug, schön genug, klug genug niemals geben wird. Nur Gott ist in der Lage mein Alles zu sein.

 

Und so ist es nun mit der Felsenbirne. Sie sieht gesund aus, mitten im Leben. Ja, ein wenig schief steht sie, aber wer gerät nicht mal in eine Schieflage? Verwurzelt ist sie doch auch noch. Die Wurzeln selbst tragen sie zwar nicht mehr, aber es wurde von Außen nachgeholfen. Das reicht doch zum Leben. Ist doch genug. Irgendwie ist es doch immer noch gut gegangen. Aber es kommt der Moment, da es nicht mehr gut gehen wird. Wenn tatsächlich alles zusammenbricht. Und dann wird aus der Schieflage eine Not. Irgendwann halten wir den Druck nicht mehr aus. Am Anfang nimmt man den winzigen Riss vielleicht noch nicht wirklich wahr. Doch irgendwann zerreißt es uns. Irgendwann fallen wir. Und die Stütze, von der wir dachten, dass sie uns Halt gibt, wird uns nicht auffangen.

Nur Jesus kann den Menschen Rettung bringen.
Nichts und niemand sonst auf der ganzen Welt rettet uns.
Apostelgeschichte 4. 12

2 Gedanken zu “Schieflagen

  1. Edith Leistner

    Liebe Nicole,
    das ist ein wunderbares Bild für unser Leben. Vielen Dank, dass du das entweder – oder, so schön in Worte fasst. Kannst du auch noch einen Artikel über einen gesunden Baum schreiben? Darüber würde ich mich freuen.
    Liebe Grüße von Edith

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