Unkraut vergeht nicht

Im Herbst ist es wieder soweit. Kinder und Schwiegerkinder versammeln sich im Garten meiner Schwiegermutter und machen ihn fit für den Winter. Meine Schwiegermutter kann das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr, was sie sehr, sehr bedauert. Die Gartenarbeit hatte sie immer gerne verrichtet. Ich dagegen werde jedes Jahr daran erinnert, warum unser Garten aus Rasen und ein paar vereinzelten Sträuchern besteht: Mir macht diese Arbeit überhaupt keinen Spaß. Das Harken, das Zupfen, das Pflanzen, das Schneiden und Rechen ist für mich überhaupt keine Entspannung. Das i-Tüpfelchen war dann letzte Woche eine verwesende Ratte, die ich zwischen den verblühten Dahlien fand. Da verging mir auch noch das letzte bisschen Freude, das man vielleicht kniend in der feuchten Erde empfinden könnte.

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Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, das Unkraut aus den Beeten zu rupfen. Auch wenn ich mir oft nicht sicher bin, was eigentlich genau das Unkraut ist. Aber meine Schwiegermama quittiert das immer mit einem gelassenen: „Du wirst das schon richtig machen.“ Oft steht sie hinter mir und schaut mir zu. Nicht, weil sie mich überprüfen möchte, sondern weil sie die Arbeit vermisst und es ihr schwerfällt, sich zurückzuhalten. Das eine oder andere Blättlein zupft sie dann meistens doch noch aus der Erde und das gönne ich ihr von Herzen.

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Manchmal bekomme ich noch eine kleine Andacht obendrein. Ich beseitigte gerade ein besonders hartnäckiges Gestrüpp, was sich, samt Wurzelwerk, über die riesige Beetfläche ausgebreitet hatte. Das sei nur ein winziges Containerchen gewesen, was sie damals eingepflanzt hätte, versicherte mir meine Schwiegermama. Dann sagte sie bedeutungsschwanger über meine Schulter gebeugt, während ich mit einer Gartenharke einen dicken Wurzelballen mit großer Anstrengung aus der Erde zog: „So ist das auch mit der Sünde, Nicole! Sie fängt ganz klein an und plötzlich durchdringt sie alles und du hast keine Kontrolle mehr darüber. Ich mach uns jetzt Kaffee“, sprach es und ließ mich verdutzt zurück.

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Dieses Jahr ist alles Gestrüpp und Wurzelwerk wieder da, fast so, als hätte ich nie Hand an die Pflanze gelegt. Und wie ich so wieder am Zupfen und Rupfen bin, muss ich mit einem kleinen Schmunzeln an die Worte meiner Schwiegermama denken. Aber ich muss auch darüber nachdenken, wie beharrlich und hartnäckig das von uns bezeichnete Unkraut doch sein kann. Während so manches Mimöschen schon wegen eines falschen pH-Wertes des Bodens eingeht, freut sich so ein Löwenzahn schon über Beton. Als im letzten Jahr nach der Hitze unser Rasen knusprig war, erkannten wir zum ersten Mal, wieviel Unkraut sich darin verbarg. Das war nämlich nach wie vor grün. Ob Unkrautflies, Pflastersteine, Asphalt oder Split; kaum ein Fleckchen, wo es nicht doch sprießen würde, und sei es nur winzig klein. „Unkraut vergeht nicht“ ist nicht ohne Grund ein berühmtes Sprichwort.

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Unkraut wird immer gern als negativer Vergleich herangezogen. Aber um ehrlich zu sein, finde ich, dass es mit dem Christentum genau dasselbe ist. Was nicht alles schon versucht wurde, es auszulöschen. Es wurde und wird geleugnet, kleingeredet, wissenschaftlich auseinandergenommen, Christen wurden und werden belächelt, unterdrückt und verfolgt durch Ideologien, Gewalt und Aufklärung. Der französische Philosoph Voltaire war der Überzeugung, dass der christliche Glaube in hundert Jahren verschwunden sein würde. Voltaire starb 1778. Friedrich Nietzsche glaubte, dass der Fortschritt der Wissenschaft das Ende des Glaubens bedeuten würde. So postulierte er im Jahr 1882: „Gott ist tot.“ So oft schon wurde versucht, das Christentum zu begraben. Doch schon sein Gründer ist nicht im Grab geblieben. Und es ist immer noch da, breitet sich weiter aus, egal, ob es verboten ist oder nicht. Nichts kann das Evangelium stoppen. Wie denn auch? Diese Botschaft ist nicht irgendeine Idee. Sie ist Gottes Werk und Plan. So wie der Pharisäer Gamaliel auf der Sitzung des Hohen Rates der aufgebrachten Menge riet, welche die Apostel am liebsten getötet hätte:

„Denn wenn das, was sie planen und unternehmen, nichts weiter ist als Menschenwerk, wird es von selbst zugrunde gehen.
Wenn es jedoch Gottes Werk ist, werdet ihr nicht imstande sein, diese Bewegung zum Verschwinden zu bringen.
Oder wollt ihr am Ende als solche dastehen, die gegen Gott kämpfen?“
Apostelgeschichte 5,38b-39

Gottes Pläne sind immer größer als die des Widersachers und werden es immer sein. Und deshalb wird es nie vergehen. Egal wieviel gezupft, gerupft oder betoniert wird.

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2 Gedanken zu “Unkraut vergeht nicht

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